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Jahresbericht 1904.

Situation. Krieg und Frieden.

Mit Weihnachten 1903 begann, statt «Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen», wie es gewohnheitsmässig von allen Kanzeln der Christenheit ertönte, ein gewaltiger Krieg von unabsehbarer Tragweite in Aussicht zu kommen, der dann wirklich am 7. Februar 1904 zum plötzlichen Ausbruche kam und zur Stunde noch fortdauert, ohne eine bestimmte Hoffnung auf ein baldiges Ende.

Die Ansicht ist eine weitverbreitete und kaum mehr ablehnbare geworden, dass damit eine Serie von Kriegen zwischen den Weltmächten, zunächst um den Besitz China's (und infolge dessen vielleicht auch Persiens, der Türkei und Indiens) begonnen habe, deren Wirkungen auch für Europa nicht ausbleiben werden. Ein Gericht über die europäische Kultur, das sich demjenigen der französischen Revolution, oder in weiterer Ferne des dreissigjährigen Krieges, wenn nicht sogar der Völkerwanderung vergleichen lässt, welche über die in mancher Hinsicht der heutigen ähnlichen Kultur der römischen Kaiserzeit hereinbrach. Die blosse «Realpolitik» von Fall zu Fall, nach der unsere Staatslenker jetzt wieder vorzugsweise handeln, endet naturgemäss mit solchen Ge. richten, welche immer wieder der thörichten Menge beweisen müssen, dass es eben doch einen göttlichen Geschichtsplan gibt, dem auf die Dauer auch nicht von den mächtigsten Menschen entgegengehandelt werden kann, so sehr dies zeitweise stattzufinden scheint. «Die heutige Welt» sagt Tolstoi in einem prophetischen Manifeste dieses Jahres - «gleicht einem Menschen, der, nachdem er sich vom geraden Weg verirrte, immer mehr bewusst wird, dass er sich auf dem unrichtigen Wege befindet. Aber je grösser seine Zweifel, desto schneller und verzweifelter eilt er voran in der Hoffnung, dass er irgendwo anlangen müsse. Die Zeit kommt indess, wo er sich vollständig klar wird, dass der Weg, den er wandelt, nur zu einem Abgrunde führen kann, den er bereits zu sehen beginnt.... Es ist klar, wenn wir unser Leben, das sowohl privat wie staatlich nur unser eigenes Wohl sucht, so fortsetzen wie bis jetzt, und wenn wir unser Wohl nur durch Gewalt sichern wollen, wir unaufhörlich ge. zwungen sein werden, die Gewaltmittel zu erhöhen und Staat gegen Staat zu hetzen. Wir werden erstens den grössten Theil unserer Produktion für Rüstungen verwenden und den physisch best entwickelten Theil der Bevölkerung in Kriegen vernichten. Die Folge kann nur sein: physische oder moralische Verkommenheit.

Ein aufrichtiger, ernster und vernünftiger Mensch kann sich nicht mehr mit dem Gedanken trösten, dass man diesen Uebeln abhelfen könne durch das Mittel eines Universalreiches, wie es die Römer, Karl der Grosse und Napoleon wollten, oder durch eine Weltgemeinschaft, wie die mittelalterlichen Päpste sie herbeizuführen suchten, oder durch heilige Allianzen, durch das Gleichgewicht des europäischen Konzertes. Es ist unmöglich, ein Universalreich oder eine Universalrepublik aufzubauen, denn die verschiedenen Nationalitäten lassen sich nicht in einen Einheitsstaat pressen

Aber unsere Staatsmänner sahen dies alles nicht. Gedanke und Rede dient ihnen nicht, um die menschliche Thätigkeit in die richtigen Wege zu leiten, sondern um jede Thätigkeit, so verbrecherisch sie auch sein möge, zu rechtfertigen. Dies zeigte der Burenkrieg, ebenso der japanische Krieg, der jeden Augenblick in eine universelle Schlächterei ausarten kann ... Wir eilen einem Abgrunde entgegen und wir nähern uns seinem Rande.»

Der «moderne Mensch», wie er sich jetzt in Europa durchwegs ausgestaltet hat, ist in der That ein unzuverlässiges Geschöpf geworden, ohne Prinzipien philosophischer, oder religöser Art, daher auch ohne Charakter, nur dem Erfolge dienstbar und dem augenblicklichen Lebensgenuss schrankenlos ergeben. Wir haben ihn schon einmal unter ähnlichen Verhältnissen, wie sie sich jetzt gestalten, in den durch die Civilisation verweichlichten Römern des Kaiserreichs gesehen, mit allen Kulturidealen der heutigen Zeit, die dann unter dem Andrang kräftigerer Barbaren zusammenbrachen.

Der erste Akt dieses hereinbrechenden Verhängnisses heisst der russisch-japanische Krieg, in welchem die Ueberhebung Europa's und die Natur seiner Gegner bereits offenbar geworden ist, für die, welche sehen wollen. Das Ende desselben wird zwar wahrscheinlich eine Verständigung Russlands mit diesen Asiaten sein, zu denen es ja grösserentheils selber gehört, dann aber heisst es:

«Germans to the front.»

Darunter meinen wir natürlich nicht die Leute germanischen Geschlechts in Deutschland, der Schweiz, Eng. land, Amerika, Frankreich und andern Staaten, welche selbst bereits dem Trugbild der «modernen » Bildung verfallen sind und jetzt in den augenblicklichen Erfolgen der Japaner den ihnen hoch willkommenen Beweis erblicken, dass das Christenthum zur Erreichung eines bedeutenden Grades von moderner Civilisation gar nicht nothwendig sei; sondern eine ganz andere tapfere Schaar, die neben ihnen in allen diesen Ländern besteht und sich aus dem unbefriedigenden Materialismus heraus nach einer besseren Lebensanschauung sehnt.

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