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zeugter Mann, wie es offenbar der jetzige Papst ist, zwar persönlich ein sympathischer, aber dennoch ein weniger glücklicher und für die ausserhalb der Kirche Stehenden mindestens ebenso gefährlicher Oberhirte sein kann. Das wird sich noch in der Zukunft mehr heraus. stellen und von einem Frieden zwischen den verschiedenen christlichen Confessionen, oder zwischen Kirche und Staat sind wir so weit entfernt, als jemals im Verlaufe der letzten Jahrhunderte. Darauf kann man gar nicht mehr hoffen für die nächste Geschichtsperiode, sondern muss sich begnügen seine Pflicht zu thun, und in dem Christenthum möglichst das ganz Wahre aufzusuchen und hervorzukehren, das stets schliesslich zum Frieden dienen wird, wenn auch in der Sache selbst ohne allen Zweifel etwas Aggressives liegt, gegen alles nämlich, was falsch und faul ist in Kirche und Staat. Von diesem Gesichtspunkte ausgehend hat auch der Stifter unserer Religion gelegentlich einmal sich dahin äussern können, er sei nicht gekommen, um Friede auf Erden zu bringen, sondern Spaltung bis in die Familien hinein. Das darf man ganz nicht übersehen, wie es einzelne übertolerante Prediger mitunter thun.

Darauf kann sich also auch der Papst bei KirchenDifferenzen berufen soweit er in der Sache Recht hat. Darauf kommt es an, nicht auf eine absolute Toleranz, die überhaupt unmöglich ist, sofern man nicht Wahrheit mit Irrthum gleichbedeutend erachtet und das vollkommene menschliche Leben «jenseits von Gut und Böse» sucht. Wer das thut, predigt zuerst allerdings unbedingte Cultus- und Gedankenfreiheit, bis er selber die nöthige Stärke erreicht hat, ähnlich wie die Sozialisten und Konservativen das proportionale Wahlsystem anpreisen, solange sie in der Minderheit sind. Nachher aber ändert dann sich der Standpunkt.

Bemerkenswerthes ereignete sich Folgendes, ausser dem Streit mit Frankreich, auf den wir hier nicht zurückkommen:

Dass der gegenwärtige Papst dogmatisch ganz auf den einmal von Pius IX. und Leo XIII. eingeschlagenen Wegen verbleiben wird, zeigte deutlich seine erste dogmatische Encyclica vom 2. Februar d. J., die wir als ein historisches Dokument in den Beilagen abdrucken. Sie betraf ein lange Zeit hindurch bestrittenes und erst von Pius IX. gänzlich festgestelltes und allgemein verbindlich erklärtes Dogma, das uns Protestanten ganz besonders unrichtig erscheint') und von dem wir überhaupt nur schwer glauben können, dass Jemand, der die Evangelien liest, es acceptiren könne. In dieser Richtung wird es also nicht besser werden unter der jetzigen Kirchenregierung. Dagegen bahnt sich ein friedlicheres Verhältniss zwischen dem Vatikan und der italienischen Königsfamilie allmählig an, das mit gegenseitigem gutem Willen ein erträgliches «tolerari posse» herbeiführen kann. Bezeichnend dafür war, dass der König von Italien seinem neugeborenen Söhnlein nicht den Titel «principe di Roma» beilegte, wie es die Italianissimi ver

“) Es bildet jetzt die grösste Differenz zwischen dem katholischen und protestantischen Glauben.

Dieses Dogma wird auch seine psychologischen Folgen haben. Es rückt, sofern es ernstlich geglaubt wird, dem katholischen Volke, welchem schon Christus ferner stand, als den Protestanten, und das daher einen Ersatz in einem menschlich-schönen Verhältniss zu der h. Jungfrau suchte, auch diese in unnahbarere Ferne ab, ohne neu einen Ersatz dafür zu gewähren.

langten, und dass der Papst hierauf den Erzbischof von Turin anwies, bei der Taufe des Kleinen, der ja eigentlich im Kirchenbann sein sollte, zu assistiren. Die Kirche kann eben Vieles möglich und vereinbar finden, wenn sie ernstlich will. Darauf kann man allezeit rechnen.

Eine andere Encyclica «Jucunde sane» vom 21. März behandelt die Schäden der jetzigen Gesellschaft, womit auch wir einig gehen können. Ein sog. «Motu proprio» vom 18. Dezember vorigen Jahres bespricht die Stellung der Katholiken zur italienischen Politik und empfiehlt, wie bisher, Fernhaltung von den Wahlen"), unter Aufstellung von 19 Sätzen, zum Theil Wiederholungen aus Encycliken Leo's XIII., die das Verhalten der gläubigen Katholiken in der «christlichen Demokratie» überhaupt betreffen.

Eine besondere Abneigung soll der jetzige Papst gegen die theatralische Kirchenmusik besitzen, zu Gunsten des alten einfacheren «cantus Gregorianus, der u. a. auch die Frauenstimmen ausschliesst. Damit wird er wohl schwerlich durchdringen, obwohl er unseres Erach. tens ganz im Rechte sich befindet. Aehnlich verhält es sich mit seiner löblichen Neigung zu grösserer Einfachheit im päpstlichen Haushalt.

Die Wahl Pius X. gab noch nachträglich Veranlassung zu einer ziemlich lebhaften Diskussion über das soge. nannte «Vetorecht» Oesterreichs, Frankreichs und Spaniens gegen eine ihnen nicht genehme Person, welches gegen die Candidatur Rampolla angewendet worden war. Die folgenschwere Erklärung, welche der österreichische Cardinal Puzyna Namens des Kaisers Franz Joseph im

*) Es wird sich nun aber bei den soeben (im Oktober) angeordneten Neuwahlen zum italienischen Parlamente zeigen, wie sich die Kirche nunmehr dazu stellt.

entscheidenden Momente vorlas, hatte in deutscher Uebersetzung) folgenden Wortlaut:

Ich rechne es mir zur Ehre an, zu diesem Amte durch allerhöchsten Befehl berufen, Eure Eminenz als Dekan des Heiligen Kollegiums Ihrer Eminenzen der heiligen römischen Kirche und als Kämmerer der heiligen römischen Kirche ergebenst zu bitten, es möge zu seiner eigenen Kenntniss nehmen und in amtlicher Weise bekannt geben und erklären das Veto der Ausschliessung gegen Seine Eminenz meinen Herrn Cardinal Marianus Ram. polla del Tindaro im Namen und kraft der Befugniss Sr. Apostolischen Majestät Franz Josephs, des Kaisers von Oesterreich und Königs von Ungarn, der von diesem alten Recht und Befugniss Gebrauch zu machen willens ist.»

Die Worte, mit welchen Rampolla dagegen protestirte, hatten folgendermassen gelautet:

«Ich bedaure, dass ein so ernster Versuch, die Wahlfreiheit der Kirche zu beeinträchtigen, von einer Laienmacht gemacht wird, und ich protestire dagegen auf das energischeste. Was mich persönlich betrifft, so erkläre, ich, dass mir nichts Ehrenhafteres und Angenehmeres hätte begegnen können.»

Dieses, seit Kaiser Carl V. bestehende, Einspruchsrecht, welches die österreichischen Herrscher schon drei Male vorher, Frankreich ein Mal und Spanien zwei Male ausgeübt hatten, steht natürlich mit der jetzigen Bedeutung dieser Staaten in der katholischen Welt nicht mehr ganz im Einklang und ist auch niemals von der Kirche anerkannt, sondern nur thatsächlich respektirt worden. Der «Osservatore Romano» nennt es sogar in zwei langen Artikeln vom vorigen Dezember ein angemasstes Recht und einen Missbrauch, «eine eigenmächtige Einmischung, durch welche die heilige Freiheit, die Christus seiner Kirche habe geben wollen, verletzt werde.» Es wird indess wohl dennoch bei dem bisherigen Usus bleiben, da es sehr

schwierig sein würde, die Rechte der Staaten und der Kirche mit Uebereinstimmung beider Theile abzugränzen.

Die Werke des französischen Bibelkritikers Abbé Loisy «l'Evangile et l'Eglise, La religion d'Israel, Autour d'un petit livre, Etudes évangeliques und Le quatrième Evangile», sind sämmtlich vom heiligen Officium verdammt und auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt worden. Der Autor unterwarf sich, wie dies in den meisten solchen Fällen neuerer Zeit geschah, weshalb man auch von vorneherein auf solche angeblich «reformatorische» Schriften kein grosses Gewicht legen muss. Der berühmte Kirchenhistoriker Hauck sagt darüber (IV 819) «Katholische Ueberzeugung bietet nicht Gewähr für Zugehörigkeit zur Kirche. Seitdem sie zum päpstlichen Imperium umgebildet wurde, galt in ihr nicht mehr die Ueberzeugung, sondern nur noch der Gehorsam.»

Wenn hingegen Prof. Harnak im «Temps» die «Weit. herzigkeit des Protestantismus» mit den Worten preist:

«Ein Protestant kann denken, was er will; man schliesst ihn nicht von dem Protestantismus aus. Es gibt bei uns keine Behörde für solche Polizeiausübung. Ich selbst bin angegriffen worden und habe erwidert. Ich bleibe Protestant ohne jede meinem Denken entgegen. gesetzte Verbindlichkeit. Wenn ich den Führern der katholischen Kirche einen Rath geben könnte, so würde ich sie auffordern, eine Sektion ausserhalb der Rangabtheilungen für die intelligenten Katholiken zu gründen. Aber diese Sektion hat schliesslich stets existirt; es hat stets unter den edelsten Vertretern des Katholizismus heimliche Protestanten gegeben.» so halten wir das nicht für richtig. Das bildet eben die Schwäche des heutigen Protestantismus, dass er Mitglieder haben kann, die keine Protestanten, ja in einzel. nen Fällen kaum noch Christen sind.

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