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hatte sogar vergessen, die sardinische Flagge auf dem Kirchthurm von Carouge mitzunehmen! Pictet und d'Ivernois nahmen indessen gleichwohl von dem abgetretenen Gebiete mit einer feierlichen Erklärung Besitz, welche der Pfarrer von Carouge, als einzige noch zur Stelle befindliche Autorität, Namens der derelinquirten Bevölkerung beantwortete.

Die Eidgenossenschaft und Genf hielten es für klüger, gegen diese neue Art, Verträge zu vollziehen, keine förmliche Einsprache zu erheben ; Pictet selbst hingegen forderte den flüchtigen Kommandanten zum Zweikampf, worauf sich dieser bei ihm persönlich dahin entschuldigte, «er habe nicht anders handeln können.»

Nun nahm sich nothgedrungen die Regierung in Turin, deren «duplicité» auch hier wieder in Frage zu kommen schien, der sonderbaren Angelegenheit an, desavouirte in einer Note vom 12. November an den eidgenössischen Vorort den Baron von St. André und berief ihn nach Turin ab.

Damit schlossen endlich im Spätherbst des Jahres 1816 die weitläufigen und oft in ihren Einzelheiten schwer verständlichen Verhandlungen über diese für die Schweiz wichtigen südwestlichen Grenzgebiete, deren exceptionelle Verhältnisse durch den seitherigen Vertrag vom 24. März 1860 zwischen Sardinien und Frankreich und die in Savoyen und dem Pays de Gex gebauten Eisenbahnen noch exceptioneller geworden sind.

Wenn vollends noch eine Eisenbahn durch den Simplon und eine Fortsetzung derselben durch die Faucille zu Stande kommen würde, so dürfte wohl vermuthet werden, das Werk Pictet's, das im Januar 1814 in Basel begann und im März 1816 in Turin endete, müsse vielleicht von unserer Generation unter veränderten Verhältnissen noch einmal versucht werden.

Hoffentlich dann unter gehöriger Kenntniss und Benutzung der damaligen Erfahrungen, mit einem gleichen Unterhändler und einer besseren Eidgenossenschaft!

III. Das Ende der Revolutionszeit.

Den formellen Abschluss der « Restauration », womit das seit 1798 in Trümmer gefallene Gebäude der alten Eidgenossenschaft zunächst nothdürftig und mit viel fremder Hülfe wieder hergestellt wurde, um dann erst nach und nach zu einem stattlicheren und wohnlicheren Hause eigener Arbeit umgestaltet zu werden, bezeichnet der Eintritt der Schweiz in die sog. heilige Allianz, welche die Monarchen von Russland, Oesterreich und Preussen zu guter Letzt noch in dem « modernen Babel », von dem noch wenig Heiliges ausgegangen war, erstellt hatten.

Bei dem eigentlichen Urheber derselben, Kaiser Alexander I. von Russland, waren diese christlichen Grundsätze aufrichtig gemeint, immerhin aber auch bloss Sache der momentanen Stimmung einer von grossen Gefahren befreiten und zu ungewöhnlichem Enthusiasmus emporgehobenen Seele. Im Uebrigen aber gibt uns Metternich in seinen im Jahre 1880 erschienenen Memoiren (I, 214–216) nun auch hierüber den authentischen Aufschluss, die Allianz sei bloss eine « moralische Manifestation > gewesen, die für die andern Aussteller dieses Dokuments auch dieses Werths entbehrte, .... «ein lauttönendes Nichts». Also mit andern Worten, im letzten Grunde eine Komödie, auf die gutgläubigen Völker berechnet, wie es das offizielle Christenthum an hohen Orten mehrentheils ist.)

1) Das wirkliche Christenthum steht in einem sehr bestimmten Widerspruch mit aller Hoheit und Macht, einem Gegensatz, den Christus selbst mit dem beinahe schroff zu nennenden Worte ausgesprochen hat, dass Alles, was hoch ist unter den Menschen, ein Greuel sei vor Gott », welcher, schon nach der Ausdrucksweise des alten Testaments, «allein hoch ist und auch nicht auf das Hohe, sondern auf das Niedrige sieht und die Stolzen von ferne erkennt». Dessenungeachtet versuchen es dieselben seit dem Ende der französischen Revolution, das Christenthum für sich zu pachten, und haben es in der That damit erreicht, dass sich die Armen und Gedrückten, für die es in erster Linie bestimmt ist und die sich allein aus ihm eine wirkliche Hülfe versprechen können, von einer solchen « Religion der Fürsten und vornehmen Leute » mit tiefem Misstrauen abgewendet haben. Wir glauben auch bei diesen nicht an blosse Heuchelei, sondern von Zeit zu Zeit kommt eben auch Diejenigen, welche an der Spitze der Völker stehen, das Bedürfniss an, sich in einen gewissen Zusammenhang mit denjenigen Prinzipien zu versetzen, die, wie sie es etwa gerade erfahren haben, mächtiger sind, als alle Macht der Menschen. Sie glauben dann aber meistens, einen solchen < Bund mit Gott » durch äusserliche Formen machen zu können, während derselbe vor allen Dingen eine unbedingte innere Aufrichtigkeit und gründliche Abwendung von Allem erfordert, was Egoismus und Klassen hochmuth heisst. Gott lässt sich weder bestechen, noch verspotten und kennt auch keine Unterschiede unter den Menschen, während dagegen die offiziell deklarirten Christen beinahe alle Aristokraten und die meisten Demokraten keine Christen sind. Das muss sich ändern und ist einstweilen der grösste innere Widerspruch unserer Zeit.

Aus den Memoiren Metternich's (I, 215) geht hervor, dass er selbst die heil. Allianz, die ihm wahrscheinlich gar zu poetisch war, zurecht korrigirt hat. Bei ihm und seinen Kollegen herrschte die nüchterne Lebensauffassung vor, die Religion war ihnen aber doch ein gutes Mittel, um die Völker zu bändigen, welche für ihre Aufopferung, statt reeller Verbesserungen, mit solchen Worten Trotzdem, müssen wir sagen, ist die heilige Allianz besser als ihr Ruf und verdient den vielen Spott nicht, der nachmals über sie ausgegossen wurde, sondern sie ist an und für sich ein schöneres Aktenstück, als alle späteren, von der blossen «Realpolitik » (die eigentlich Macchiavellismus heissen sollte) diktirten Verbündungen der Grossstaaten. Die Heuchelei mit moralischen Grundsätzen in der Politik ist zwar praktisch oft gefährlicher als die rohe Wahrheit, aber sie ist doch immer noch eine « Huldigung für die Tugend », und es macht einen betrübenden Eindruck, wenn man gegenwärtig selbst auf eine solche immer mehr verzichten sieht. Die Allianz lautete, wie folgt:

«TRAITÉ D'ALLIANCE FRATERNELLE ET CHRÉTIENNE,

conclu à Paris

entre Leurs Jajestés l'Empereur d'Autriche, le Roi de Prusse et

l'Empereur de Russie.
(Du 26/14 septembre 1816.)

Au nom de la très sainte et indivisible Trinité!

Leurs Majestés l'Empereur d'Autriche, le Roi de Prusse et l'Empereur de Russie, par suite des grands événements qui ont signalé en Europe le cours des trois dernières années, et principalement des bienfaits qu'il a plu à la divine Providence de répandre si les Etats dont les gouvernements ont placé leur confiance et leur espoir en Elle seule, ayant

abgespiesen wurden. Wir werden wohl nicht fehlgehen, wenn wir annehmen, dass manche unserer leitenden Staatsmänner der damaligen Zeit ebenso dachten.

acquis la conviction intime qu'il est nécessaire d'asseoir la marche à adopter par les Puissances dans leurs rapports mutuels, sur les vérités sublimes que nous enseigne l'éternelle religion du Dieu sauveur :

Déclarent solennellement que le présent acte n'a pour objet que de manifester à la face de l'univers leur détermination inébranlable de ne prendre pour règle de leur conduite, soit dans l'administration de leurs Etats respectifs, soit dans leurs relations politiques avec tout autre gouvernement, que les préceptes de cette religion sainte, préceptes de justice, de charité et de paix qui, loin d'être uniquement applicables à la vie privée, doivent au contraire influer directement sur les résolutions des princes et guider toutes leurs démarches, comme étant le seul moyen de consolider les institutions humaines et de remédier à leurs imperfections.

En conséquence, Leurs Majestés sont convenues des articles suivants :

Article 1er.

Conformément aux paroles des Saintes-Ecritures qui ordonnent à tous les hommes de se regarder comme frères, les trois monarques contractants demeureront unis par les liens d'une fraternité véritable et indissoluble, et se considérant comme compatriotes, ils se preteront en toute occasion et en tout lieu assistance, aide et secours, se regardant en vers leurs sujets et armées comme pères de famille, ils les dirigeront dans le même esprit de fraternité dont ils sont animés pour protéger la religion, la paix et la justice.

Article 2.

En conséquence, le seul principe en vigueur, soit entre lesdits gouvernements, soit entre leurs sujets, sera celui de

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