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v. Haller einen etwas zu leidenschaftlichen Repräsentanten besass, in allen Fällen aber nichts als eine Spielerei ohne brauchbaren Inhalt ist und sich auch schon 15 Jahre später als solche bewährte.

Die Weltgeschichte ist eben nicht bloss jenes willkürliche Spiel menschlicher Gedanken, oder eines blinden, stets wechselnden Zufalles, wie sie auch heute wieder in den Augen mancher Menschen erscheinen will, sondern eine in einem bewussten, vernünftigen Fortschreiten befindliche Welt ordnung, die ihre unabänderlichen Gesetze zwar mit grossem zeitlichen Spielraum für die Willensfreiheit der einzelnen Menschen, aber schliesslich doch mit Nothwendigkeit zur Durchführung bringt. Das ist das Schöne und Grossartige an ihr, dasjenige auch, wesshalb die Kenntniss der Geschichte nicht bloss ein gelehrtes Handwerk für Wenige, sondern eine erfrischende Geistesthätigkeit für Alle sein muss : dass alles Böse auf jeden Fall untergeht, am sichersten, wenn es an einem Punkte gesiegt zu haben glaubt, das Gute hingegen selbst im einzelnen Menschen die ganze Macht dieser Ordnung hinter sich hat. )

seinem Heil, wenn sie ihn in ihrer Mehrheit gutwillig geht, zu seinem Nachtheil, wenn sie diesen Weg verlässt, um irgendwelchen fremden Gedanken nachzujagen.

Was in diesem letztern Falle eine darauffolgende Generation durchzumachen hat und wie schwer sie wieder in das richtige Geleise gelangt, das sollten diese « Eidgenössischen Geschichten » dem heutigen Leser zeigen.

1) Ein grosser historischer Irrthum, der viele Menschen an der Existenz einer gerechten Weltordnung zu zweifeln verführt, ist der, dass das Gute in der Welt in einem steten, erbitterten Kampf gegen das Böse begriffen sein müsse. Wir können das unsererseits in der Geschichte, z. B. gerade in derjenigen unseres kleinen Volkes, nirgends sehen. Das Schlechte Das Nähere derselben kennen wir nicht, und es würde Anmassung sein, es auseinandersetzen zu wollen, nachdem der grösste moderne Kenner der Ge

wird von entgegengesetztem Schlechtem bekriegt, das Gute baut auf diesen Schlachtfeldern neue Wohnstätten für die Menschheit. Stets wird es sich, wenn es direkt an dem Kampf der Tagesmeinungen sich betheiligt, nicht frei von der Uebertreibung halten können, die in jedem Kampfe liegt, damit also sich von seinem eigenen Prinzip voller Wahrheit und Gerechtigkeit entfernen und innerlich überwunden werden. Das scheint uns auch der wahre Sinn des geistreichen Wortes Christi an seine speziellen Jünger zu sein: Lass' die Todten ihre Todten selber begraben, verkündige du das Reich Gottes, d. h. sorge nur, dass dasselbe stets auch seine Vertretung auf Erden habe, für das Weitere sorge nicht.

Wie könnte überhaupt ein allmächtiges und daher nothwendig uneingeschränkt herrschendes, gutes Prinzip existiren, das dem Bösen einen so grossen Spielraum liesse, wenn es verbunden wäre, dasselbe direkt zu bekämpfen? Und wie könnte es diesen schweren Kampf von seinen Anhängern verlangen, wenn es ihn selber nicht mit aller Schärfe führt? Dieses ohnehin bestehende Welträthsel würde völlig unlösbar erscheinen, wenn man nicht an die selbstzerstörende Eigenschaft und Bestimmung alles Unwahren glaubt.

Namentlich in der Politik liegt diess ganz offenbar am Tage. Kein einziges «System » derselben ist jemals das ausschliesslich richtige gewesen : bei Beginn unserer neuern Staatsgeschichte also weder die alteidgenössische Aristokratie, noch die helvetisch-französische Demokratie. Sie waren vielmehr Gegensätze, die sich gegenseitig aufrieben, wie es heute das kapitalistische System und der Sozialismus, die autoritäre Monarchie und der parlamentarische Anarchismus, der katholische Ultramontanismus und der naturwissenschaftliche Materialismus sind.

Die sittliche Weltordnung wirkt zwar durch menschliche Kräfte und menschlichen Willen, den sie beseelt und benützt Niemals aber, sofern wir die Geschichte recht verstehen, verwendet sie die besten Kräfte zum direkten Angriff auf die ihr entgegenstehenden Gewalten. Diese müssen vielmehr durch eine ihnen wesensä hnliche Kraft, aus sich selbst heraus, durch ihr

schichte sich darüber in folgender Weise ausgesprochen hat: «Es sind Kräfte in der Geschichte und zwar geistige, Leben hervorbringende, schöpferische Kräfte, selber Leben, moralische Energie, die wir in ihrer Entwicklung erblicken. Zu definiren, unter Abstraktionen zu bringen sind sie nicht, aber anschauen, wahrnehmen kann man sie und ein Mitgefühl ihres Daseins kann

eigenes Prinzip zerstört werden. Das ist die Gerechtigkeit und die feine Ironie der Weltgeschichte, die nicht mit Macht, sondern durch Recht siegen will.

Daher sind die bekanntesten Träger ihrer grossen Gedanken selten die reinsten Repräsentanten derselben, und der HeroenKultus Carlyle's, dem unsere Generation anheimgefallen ist, ein theilweiser Irrthum.

Nicht Laharpe, Ochs, oder irgend ein anderer der helvetischen Direktoren sind bei Beginn der Zeit, von deren Abschluss wir gesprochen haben, die eigentlich bedeutenden und fruchtbaren Kräfte gewesen, welche die neue Eidgenossenschaft geschaffen haben, sondern Rengger, Zschokke, Thaddäus Müller, Xaver Bronner, Pater Girard, Steck und noch manche Andere, der jetzigen Generation beinahe unbekannt Gewordene ; sie aber hätten nie die leidenschaftliche und einseitige Energie besessen, die zum Umsturz des Vorhandenen erforderlich war. Und so haben auch heute, nach unserer Auffassung, der Freiherr von Stein, die Dichter Arndt und Uhland, Friedrich List, Heinrich Simon, der Grossherzog Friedrich von Baden, der Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preussen das neue Deutschland, so wie es zum Segen der Menschheit ausdauern wird, Joseph Mazzini, Massimo d'Azeglio, Gino Capponi, Bettino Ricasoli, Benedetto Cairoli das neue Italien, so wie es allen gebildeten Menschen theuer ist, geistig in's Leben gerufen. Es waren aber viel härtere, kampfgeeignetere und daher nothwendig einseitiger wirkende Kräfte unerlässlich, um ihren Gedanken den Raum in der Welt zu schaffen, auf dem sie in einer bessern Zeit als die unsere ihr Reich dauernd begründen werden. Wir sehen den Beginn des Kampfes um die volle Freiheit in Kirche und Staat, unsere Söhne die Höhe desselben und unsere Enkel den Sieg !

man sich erzeugen. Sie blühen auf, nehmen die Welt ein, treten heraus in dem mannigfaltigsten Ausdruck, bestreiten, beschränken, überwältigen einander; in ihrer Wechselwirkung und Aufeinanderfolge, in ihrem Leben, ihrem Vergehen oder ihrer Wiederbelebung, die dann immer grössere Fülle, höhere Bedeutung, weitern Umfang in sich schliesst, liegt das Geheimniss der Weltgeschichte.

Das aber kann man mit voller Gewissheit sagen: Mit diesen Kräften im Einklang, nicht gegen sie zu arbeiten, das allein ist Politik. Und darin liegt auch das Mass, der gesunde Menschen verstand begründet, der den Menschen in staatlichen Dingen den richtigen Weg zeigt und sie vor den Revolutionen bewahrt, die aus Reaktionen entstehen und sie wieder zur Folge haben.

Nichts Traurigeres gibt es dann, als das ewige Schwanken zwischen diesen beiden Zuständen, das in den gebildeten Kreisen zuletzt einen absoluten Pessimismus oder Fatalismus erzeugt, wie ihn schon Bonnivard, der berühmte Gefangene von Chillon, in naiver Ausdrucksweise besitzt, ') und wie er die Grundstimmung der meisten heutigen Berufspolitiker ist, während die grosse Masse nach und nach in die Theilnahmlosigkeit für staatliche Dinge und das Misstrauen gegen alle leitenden Personen versinkt, welche

1) «Quand on considère bien toutes choses, on trouve qu'il est plus aysé de détruyre le mal que de construyre le bien. Ce monde estant faict à dos d'asne, le fardeau, que vous voulez redresser et mettre au milieu, n’y demeurera, ains penchera de l'autre côté. »

das sicherste Zeichen der Krankheit eines Staatswesens

sind.')

Vor dieser Gleichgültigkeit das Volk der neuen Eidgenossenschaft zu bewahren und ihm wieder zu grösseren Zielen und Gedanken, als denjenigen des alltäglichen materiellen Wohlbefindens zu verhelfen, das ist nach unserer Auffassung der Zweck aller Geschichte, somit auch dieser unserer « Eidgenössischen Geschichten ».

Die heutige Fortsetzung derselben aber, die einst ein Anderer schreiben wird, scheint uns den Sinn zu haben, dass das schweizerische Volk nun vor die Wahl gestellt ist, entweder zu zeigen, dass es aus dem Geschichtsunterricht seiner Schulen wirklich etwas für das Leben gelernt hat, oder die Uebergangsperiode von Einheitsstaat, Protektorat, Restauration und Regeneration unter lebensgefährlicheren Umständen noch einmal durchzumachen.

1) Die schweizerischen Kantone befinden sich jetzt zum Theil in diesem Zustande. « Tout se paie dans l'histoire, à l'indifférence c'est le désastre qui répond. »

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