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einander unterschiedener Gegenden vermehrt die Verwirrung. Jenes Kantonsgericht muss nach fünf oder sechs verschiedenen Gesetzgebungen urtheilen, und in seiner Verlegenheit hat der oberste Gerichtshof weit weniger Mühe, sich von dem Falle zu unterrichten, als von dem Gesetz, das ihn entscheiden soll. Mitten in diesem Chaos triumphiren die heimlichen Ränke, das Gewissen des Richters wird beunruhigt, und der Bürger zweifelt an der Einheit der Republik, und an der Wiedergeburt, die sein Glück herbeiführen soll. Lasst uns also eilen, Bürger Repräsentanten, diesen Uebeln durch ein allgemeines Gesetz abzuhelfen, dessen augenscheinlicher Nutzen schon allein aus seiner Gleichförmigkeit entspringen wird.')

1) So weit waren wir bereits vor 90 Jahren. Sowohl das Gesetz über Schuldbetreibung und Konkurs, wenn es zu Stande kommt, als die immer grösser werdende Einwirkung des Bundesgerichts auf die Rechtsprechung und Gerichtsorganisation der Kantone, die jetzt sogar eine vielfach mit dem System der Bundesverfassung nicht mehr ganz im Einklang befindliche ist, werden in Bälde eine Unifikation des gesammten Civilprozessverfahrens zur Nothwendigkeit machen. Hoffentlich noch vor dem Centennarium dieser ersten Versuche.

II.

Das eidgenössische Militärstrafrecht,

welches in diesem Jahre eine theilweise Revision erfuhr, hat eine nahezu fünfhundertjährige, in ihren Einzelnbeiten oft interessante Geschichte. Die ältesten Grundsätze über die Militärjustiz sind in dem Sempacher brief vom 10. Juli 1393 enthalten, wo sie nur ganz kurz wie folgt lauten:

« Wer aber daz deheiner do von fluchtig wurde oder ut verbreche dz in disem brief geschrieben stat, sunderlich dz ieman dem andern, als davor durch sin hus lieffe frevenlich oder wz Er ander sachen misstaete, darumb er geschuldget oder verlumbdet wurde, ze straffende in disem brief, und sich darumb schulde funde mit redlicher kunt. schaft zweyer erber unversprochener mannen von den zuo den er geböret und die darumb habent ze richten, des lip und guot sol dien selben, die uber in hant ze richtende und do er hin gehöret, und nieman andern under uns gefallen sin uff in genade, und die sulent ouch den harumb straffen unverzogenlich nach dem als sich schulde vindet und si sich uber in erkennent und su. lent dis tuon bi dien eyden so si der statt oder dem land do si sind gesworen hant. »

Die einfachen Grundsätze dieser ältesten Kriegsordnung wurden sodann bei Anlass einzelner Auszüge durch Verordnungen ergänzt, von denen besonders diejenigen von 14991),

1) Diese Ordonnanz (von 1499) enthält Folgendes:

« Jedes Ort soll den Seinen verkünden, dass wenn die Eidgenossen mit ihren offenen Zeichen im Feld liegen, jeder Kriegsmann, er sei aus welchem Ort er wolle, allen Hauptleuten gehorsam sein soll.

Jedes Ort soll verordnen, dass man die Kreuzdegen ganz abthue und zu den Spiessen, wie zu den Hellebarten ein Schwert 1521 und 1522') historisch bemerkenswerth sind und fanden sodann weitere Ausfübrung in einzelnen Spezialabschnitten

:

oder Mordächsli trage, wie das von Bern, Luzern und Uri bereits angeordnet ist.

Wenn wir fürderhin mit offenen Zeichen zu Felde ziehen, soll Niemand essige Speise hinwegführen; auch «in Legern brönnen s soll ohne Erlaubniss der Hauptleute Niemand, bis man ein Lager bricht und wegzieht.

Jedes Ort soll die Seinen schwören lassen, wenn wir hiefür ein Gefecht und Streit thun, keine Gefangenen zu machen, sondern Alles todtzuschlagen, « als unser frommen Altvordern allweg brucht haben. »

Auf das Ansuchen, dass der König von Frankreich uns in diesen schweren Kriegsläufen mit seinem Geschütz. Pulver, Steinund Büchsenmeistern versehen und dennoch das Geld geben wolle, haben die französischen Boten in allen Theilen freundliche, zusagende Antwort gegeben, und versichert, der König werde mit Leib und Gut uns zu Hülfe kommen und auch nächstens alle Kaufleute aus Schwaben, oder andern Ländern, die mit uns in Feindschaft stehen, aus seinem Königreich vertreiben.

(E. A. III, I, 599.) Der Passus bezüglich der Gefangenen steht nicht allein, sondern findet sich auch in einer Kriegsordnung von 1481 mit folgenden Worten:

« Item und daby sol mengklich schweren .... und ouch by dem eyde, an eim gefechte, old strit nieman zuof âchen, sunder sover man mag unser vigend ze töten. »

1) Die Ordonnanz von 1521 wurde erlassen bei Anlass des sogenannten « Leinlakenkrieges » für den Papst in der Romagna, in welchem 6000 Mann unter der Anführung von Kaspar Göldlin und Ludwig v. Erlach mehrere Monate lang, ohne je einen Feind zu sehen, in guten Quartieren lagen (daher der Name), bis sie zuletzt wohl gebenedeyget », wie Anshelm sagt, verabschiedet wurden. Sie enthält folgende Vorschriften:

Ordonna n z so die gemeinen knecht sollend schweren. Das ganz gemein volk soll schweren, dem Obristen und allen andern hoptlüten, desgleichen denen, so inen zugeordnet sind, gehorsam und gewärtig ze sind, uf die fennli ze wachten und usserem feld davon nit ze komen, noch keiner heim ze ziehen, ohne wüssen, willen und erlaubens sines hoptmanns, under dem er zücht, oder under den er ist verordnet.

Und ob es zuo einem strit oder gefecht wurde kommen, bi den fennlinen und in der ordnung zuo bliben und sich davon nit lassen ze trängen bis in den tod, die fyent ze schedigen nach vermügen, nit ze blünderen, bis das feld wirt behept und die not des sogenannten eidgenössischen Defensionale, welches die spätere, jedoch niemals vollständig in Kraft er

wirt erobert, es sye an stürmen oder stryten. Ouch kein gottshus, kilchen, oder gewichte stadt ufzebrechen, ze berauben, zerbrennen, noch ützit, dass darzuo gehört, ze verwüesten, oder darus ze nemen, es wäre dann dz. die fyent, oder ir guot darin wurdind funden; desglichen kein priester, kind, alt und krank lütt, noch frowenbild an irem lib ze schedigen, noch ze schmähen und besonder kein frowenkleider, noch kleinoter, wie das namen mag haben, ze rauben, noch ze nemen, das werde funden wo es wölle, die frowen tragind das an irem lib, oder das sye in behalten, sonder wo einer söliche kleider oder kleinoter hinder einem oder dem andern wurde wüssen, oder die sehen fertigen, füeren, oder tragen, den und dieselben bi disem sinem Eyd dem obristen richter anzegeben, es wäre denn, dass einer von solchen prie. steren, kinden, alten lütten, oder frowen zuo der gegenweer wurde gedrängt.

Darzuo keinen der fründen an lib noch guot ze schedigen, besonder derselben ze schonen und inen umb essen und trinken ziemliche ürten erberlich ze bezalen, und die so feilen kauf zuo führent, mit erloptniss der hoptlüten, es syent fründ oder fyent, sicher zu lassen, und inen mit gewalt nützit zu nemen.

Ouch an keinem ort ze brennen, bis es von den hoptlüten wirt erloupt, und was von hab und guot wirt erobert und gewunnen, das an ein gemeine büt ze geben und im selbs davon niemals nützit ze beheben, und sonderlich ob sich einich städt oder schloss ergeben, oder mit gewalt gewunnen wurdind, in denselben einicherlei hab noch guot ze nemen, noch ze rouben, anders dann essige spys, on wüssen und willen des obristen und gemeiner hoptlütten und iren zuoverordneten.

Und ob ouch jemas understünde eine flucht ze machen, dass je die nächsten, die des gewar wurdind, denselben zuo tod stechend, und darumb von niemas gestraft, noch gefecht werden söllend.

Es soll auch täglich ein jeder gott dem allmächtigen und siner muoter Marien der jungfrowen und allen himmelschen heer ze lob und ere beten 5 pater noster und 5 Ave Maria, ouch all unziemlich bös, schantlich schwür myden und niemas zuo trinken, des glych keiner gegen dem andern rächen, diewyl dieser zug währt, einicherley alte fyentschaft, oder todtschlag in keinen weg. ouch ein jeder in allen zerwürfnissen frid nemen und geben, sollichs halten und sich darin niemas partygen.

Wöllicher jemas sähe obgeschribner stucken eins oder mer brechen, oder darwydertuon, den oder dieselben darumb ze leiden by diesem eyd, damit solichs werde gestraft, als man dann sol. lichs zuostrafen hat, verordnet einem nachrichter.

Darzuo kein bluotharsch noch frye gesellschaft zuo machen noch darin ze zühen, sonder by den fennlinen ze blyben, noch ouch einiche ufruor, noch versammlung, es sye wider wen das

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wachsene Militärorganisation der alten Eidgenossenschaft war. ')

Die auf die Justiz bezüglichen Hauptstellen des Defensionals sind die folgenden: Abünderung der Stelle im Defensionale betreffend die Justizpflege,

beschlossen auf der Tageatzung vom 29. Mai 1668.

Die justiz belangend, obwohl in dem defensionalwerkch verssechen, dass die malefizpersonen so leib und leben verwürckt, jeder, seiner oberkeith nacher hauss verschickt undt von dersselben gerechtfertigt werden sollen, hat man bewegender ursachen halber besser sein befunden, den oberkeiten zue hinderbringen undt die dahin zue erinnern, dissers execution den kriegsräthen zue überlassen, weil ein gleiches under den eydtg. regimentern in fürstlichen diensten practiciert werde, auch theils im Sempacher brieff versseben, seie und umb dass sovil mehr, weil bereits ettlicher

wölle, ze machen, besonder gehorsam ze sin wie obstat und b. Ht. in disem Zug trülich und erlich ze dienen und ir besoldung wider ire widerwärtigen nach art und sag der vereinung.

Und dann zuo letst ouch in disem zug (nit) wider einichen ze zühen, ze handlen, anzegryfen noch ze tuond, als da ist das loblich hus Oesterrych, die kron Frankrych oder einichen andern, der uns mit pündtniss, frid und einigkeit ist verwandt; desglychen ein jeder an den die wacht kompt, trülich ze wachen, nit ze schlafen, uf der wacht ze blyben und darin guot sorg ze haben. Und hierin ein jeder syner herren und gmeiner Eidgnoschaft lob nuz und êr ze fürdren und schaden ze wenden, alles getrülich und ungefarlich.

Und dise ordinanz sollent schweren all monat hoptlüt, lütiner, fenrich, rät und gmein knecht.»

(E. A. IV, I. A. 14.) 1) Das «Defensionale » (E. A. VI, I. II. 1675) besteht aus 11 einzelnen Stücken vom 18. und 20. März 1668, 13. Mai 1668, 29. Mai 1668, 10./20. September 1673, 3. Mai und 10. November 1674, 15. Dezember 1676 und 13. November 1678. Der erste Entwurf ist schon von 1629 (E. A. V, II, 571). Spätere Ergänzungen dazu sind: Der Wyler-Abschied vom 17.-31. Januar 1647, eine weitere Vorarbeit des Defensionals, mit Zusätzen vom 20. Februar bis 2. März (E A. V, II. 1409 und 1416) und das eidg. Schirmwerk vom 7. September 1702 (E. A. VI, II. 228). Vgl. hierüber die Grundzüge » zu der Revision des Militärstrafrechts, von dem Herausgeber des Jahrbuchs 1876 verfasst und als Manuskript gedruckt.

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