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mit feindlicher Gewalt entgegenzutreten, konnten sie nicht wagen. Nicht Gewalt, nur List, die sich den Römern unter dem Deckmantel der Freundschaft näherte, vermochte sie dies Mal zu retten.

Es war ein Glück für die Nabatäer, dass zu jener Zeit ein Mann an ihrer Spitze stand, der klaren Auges die wirkliche Lage der Dinge begriff. Zwar ihr König Obodas 1), eine schwache Persönlichkeit, war nicht im Stande, in einem so kritischen Zeitmomente den Verhältnissen eine für sein Volk günstige Wendung zu geben. Aber wie so oft an den orientalischen Höfen war in Wirklichkeit nicht er es, sondern sein Vezier, Sylläus (arab. Ssâlih), der die Zügel der Regierung in Händen hatte und auch hier entscheidend eingriff. Aus den vielen Nachrichten, die Josephus über Sylläus giebt, ersehen wir, dass es ein Mann von nicht gewöhnlichem Schlage war; er besass eine gewisse Genialität in der Durchführung von Intriguen, aber er hielt auch jedes Mittel für gut genug, das ihm zur Erreichung seiner Zwecke dienen konnte. Durch Gewandtheit und Verschlagenheit hatte er seine einflussreiche Stellung zu erringen gewusst. Seine Thätigkeit war insofern eine rühmenswerthe, als manche selbst von den Römern als vortrefflich anerkannte Einrichtungen in der Regierung des nabatäischen Landes ihm ihren Ursprung verdankten. Als Gallus die Vorbereitungen zu seinem Zuge nach Arabien traf, da hatte Sylläus sicheren Blickes die seinem Volke drohende Gefahr durchschaut und die Mittel gefunden, ihr zu begegnen.

Sylläus trat zunächst in eine engere Verbindung mit Gallus ; er schloss sich ihm als Bundesgenosse für den beabsichtigten Zug an und versprach, zur Förderung des Unternehmens hülfreichen Beistand zu leisten. Wenn in dem Berichte Strabo's deutlich gesagt wird, es sei des Sylläus Plan gewesen, das Heer der Römer durch Verrath zu vernichten, so dürfen wir diese Aussage als zum Theil begründet ansehen. Die durch diesen Zug der Römer auf das äusserste gefährdete Lage des nabatäischen Reichs und das ganze Verfahren des Sylläus während des Zuges zeugen für die Wahrheit jener Angabe. Es war ohne Zweifel die Absicht des Sylläus, durch die Schwierigkeiten und Mühsale, welche sich

1) Nach Vincent (commerce and navigation I, c. II, 275) der zweite seines Namens.

einem kriegerischen Unternehmen in Arabien in so reichem Masse entgegenstellen, das römische Heer zum Theil zu vernichten, um die Römer so auf die eindringlichste Weise von ferneren Invasionen in Arabien zurückzuschrecken; dass jedoch eine gänzliche Vernichtung des römischen Heeres nicht in seinem Plane liegen konnte, werden wir in der Folge sehen.

Zur vollständigen Durchführung seines Anschlags war es nothwendig, dass Sylläus überall persönlich an dem Zuge Theil nahm, dass er zugleich durch eine feste Stellung in dem Heere der Römer in das Unternehmen mitverflochten erschien, und so übernahm er selbst die Führerschaft des Hülfscorps, das er den Römern stellte. Strabo bemerkt, es habe zugleich in der Absicht des Sylläus gelegen, in Gemeinschaft mit den Römern arabische Völkerschaften zu unterjochen, dann das Heer der Römer durch seine Hinterlist zu vernichten und schliesslich sich zum Herrscher der eroberten Landschaften aufzuwerfen. Indess abgesehen davon, dass Sylläus’ Macht keineswegs der Durchführung eines solchen Planes entsprach, wird diese Angabe durch den weiteren Bericht des Strabo selbst widerlegt. Wenn er nämlich erzählt, dass Sylläus schon während der Fahrt auf dem Rothen Meere dem römischen Heere den Untergang zu bereiten suchte, so steht das im geraden Widerspruche mit jenem angeblichen Herrscherprojecte, da sich Sylläus so von vorneherein selbst der Mittel beraubt haben würde, die zur Verwirklichung seiner Absicht dienen sollten.

Sylläus führte seine Hülfscorps dem Gallus nach Kleopatris zu, um sich hier dem Heere anzuschliessen. Schon aus diesem Schritte erhellt deutlich, wie sehr er bemüht war, die Römer vom nabatäischen Boden ferne zu halten. Auf seine Veranlassung wählten die Römer die höchst gefahrvolle Schiffahrt auf dem nördlichen Ende des Rothen Meeres, anstatt auf dem Landwege über Petra in das Innere von Arabien vorzudringen. Dieser Marsch wäre um so leichter ausführbar gewesen, als nach Strabo's Bericht der Vertrieb der arabischen Handelsartikel fast einzig auf jener Strasse Statt fand, die von Leukekome über Petra nach Rhinokolura führte; es stellten sich demnach auf diesem Wege auch dem Zuge eines Heeres keine grossen Schwierigkeiten entgegen. So aber hätte der Marsch der Römer mitten durch das Land der Nabatäer seine Richtung genommen, und die darin lie

gende Gefahr zu verhüten musste des Sylläus nächste Sorge sein. Auf seine Veranlassung nun liess Gallus in Kleopatris 80 zwei und dreirudrige Schiffe und Barken zur Ueberfahrt nach Arabien bauen; doch erwiesen sich diese Fahrzeuge wegen des seichten und klippigen Meeres bald als völlig unbrauchbar. Es war aber auch, wie Strabo richtig bemerkt, durchaus verkehrt und zwecklos, eine Flotte von grossen Kriegsschiffen auszurüsten, da es ja keineswegs einen Seekrieg galt und die Araber bis dahin keine Kriegstüchtigkeit zur See bewiesen hatten. Dieses fehlerhafte Verfahren des römischen Heerführers beweist uns zunächst, dass damals in Aegypten jede genauere Bekanntschaft mit der Schifffahrt auf dem Rothen Meere fehlte, dass man also keinen Handel auf demselben trieb; dann aber wirft dieser Missgriff des Gallus auch ein sehr ungünstiges Licht auf sein Feldherrntalent. Er konnte auf alle Fälle über die Schiffahrt auf diesem Meerbusen, an dessen Ufern er seit längerer Zeit die Vorbereitungen zu seinem Zuge traf, sich eine richtigere Einsicht verschaffen; der begangene Fehlgriff stellt sich sogleich im Beginn seines Unternehmens deutlich heraus.

Nachdem sich nun die erste ausgerüstete Flotte als völlig unbrauchbar erwiesen hatte, wurde schnell eine zweite erbaut, die aus 130 Lastschiffen bestand. Das Heer des Gallus, mit Einschluss der jüdischen und nabatäischen Hülfstruppen, wurde eingeschifft, und Ende Frühling des J. 730 ging die Flotte von Kleopatris aus unter Segel.

Bald aber sollten die Römer alle die Schrecken und Gefahren erleiden, welche mit der Schiffahrt auf dem Rothen Meere verknüpft sind. Von allen grösseren Gewässern ist dieses für die Schiffahrt eines der gefährlichsten. Die Tiefe desselben ist durchgehends eine sehr geringe, die Küsten sind wüste und wasserarm und bestehen theilweise aus einem sandigen Strande, zum grössten Theil aber aus öden Felsen, die sich in vielen für die Schiffahrt höchst gefährlichen Klippen fortsetzen. An das Uferland schliessen sich Hochebenen an, die, vom Meere aus schwer zugänglich sind. Dazu ist das Meer. an der Küste reich an unzähligen Korallenbänken. Die Höhe des Wasserstandes, durch Fluth und Ebbe bedingt, ist immer eine sehr verschiedene. Die Winde sind regellos und erlauben keine regelmässige Schiffahrt; den grössten

Theil des Jahres herrscht auf dem Meere ein heftiger Nordwind. Wegen der felsigen Küste ist die Zahl der Häfen eine sehr geringe, und selbst die vorzüglichsten gewähren gegen Stürme keinen hinlänglichen Schutz ?).

Dass bei solchen von der Natur bereiteten Schwierigkeiten und Gefahren die Ueberfahrt des römischen Heeres nach Leukekome voller Noth und Mühsal war, ist leicht erklärlich. Die unzähligen Klippen, die engen Furten, die vielen Untiesen, die heftige Brandung des Meeres an dem felsenreichen Ufer, vor allem aber der Wechsel von Ebbe und Fluth bedrohten die Flotte wäh. rend der ganzen Fahrt ununterbrochen mit dem Untergange.

Es kann nach Strabo vielleicht zweifelhaft scheinen, ob alle diese Drangsale von den Römern während der wirklichen Ueberfahrt oder damals erlitten wurden, als sie den Versuch der Ueberfahrt mit ihrer Flotte von grossen Kriegsschiffen machten. Strabo schickt nämlich den allgemeinen Bericht der Leiden, welche die Römer während der Fahrt zu erdulden hatten, voran, ehe er die Flotte von Kleopatris absegeln lässt. Indess zeigt sich im weiteren Verlaufe seiner Erzählung deutlich, dass dieses Missgeschick den Römern während der wirklichen Ueberfahrt wiederfuhr. Nachdem er nämlich berichtet hat, dass die zweite Flotte von 130 Lastschiffen abgesegelt sei, kommt er auf die vorhin erwähnten Gefahren zurück und erzählt, dass die Römer während der Fahrt viele Schiffe verloren und grosse Noth ausstanden.

Wiederum war es nach Strabo's Bericht Sylläus, der an dem ganzen Unglücke die Schuld trug, indem er das gefahrlose Fahrwasser nicht innehielt, sondern die Flotte absichtlich in die Klippen und Untiefen hineinführte. Es ist möglich, dass Sylläus, wenn er überhaupt von jenem gefährlichen Gewässer genügende Kenntniss hatte, um eine Flotte glücklich durch alle Gefahren desselben hindurchzuführen, eben nicht sehr bemüht war, zur Vermeidung dieser Gefahren beizutragen. Indess nach dem, was wir bereits über die Beschaffenheit des Rothen Meeres sagten, dürfen wir wohl annehmen, dass der grössere Theil der von den

1) Vgl. Munzinger, Briefe vom R. Meere, in d. Zeitschr. f. allgem. Erdk. v. Neumann 1856.

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Römern erlittenen Noth und Drangsal in den von der Natur bereiteten Gefahren selbst lag, und nur den Vorschlag des Sylläus, eine Flotte von grossen Kriegsschiffen auszurüsten, dürfen wir als eine verrätherische Handlung von seiner Seite bezeichnen ').

Funfzehn Tage hatte die Fahrt gedauert, die nach der Strecke des zurückgelegten Seeweges eine lange genannt werden muss, da erst betraten die römischen Truppen den arabischen Boden. Abgesehen davon, dass sie schon während der Fahrt viele Schiffe und einzelne sogar mit ihrer Bemannung verloren hatten, war der Zustand des nun gelandeten Heeres ein höchst trauriger. Zum Theil hatte dazu allerdings die während der Fahrt erlittene Noth beigetragen, am meisten aber ohne Zweifel der durch den Flottenbau veranlasste lange Aufenthalt des Heeres zu Kleopatris. Auf der unwirthbaren Küste des Golfs von Suez mangeln fast alle zur Erhaltung eines Heeres nöthigen Subsistenzmittel; die Gegend an sich ist wüste, von weit her musste also der Proviant für das Heer herbeigeschafft werden; auch die Wasser sind schlecht und salzig 2). Durch den Genuss der verdorbenen Lebensmittel und des ungesunden Wassers war unter den Truppen der Scorbut — Grouaxáxn – ausgebrochen; dann grassirte unter ihnen noch eine andere Krankheit – von Strabo oxɛlotúen genannt – die in einer Art Lähmung des Fusses besteht und einen schwankenden, taumelnden Gang des Menschen zur Folge hat 3).

Der Landungsplatz der römischen Flotte war Leukekome, eine nabatäische Seestadt. Der Name dieses Ortes findet sich nur in jener Periode der Geschichte; der Ort selbst ist verschwunden, ohne dass uns über seine Lage genauere Bestimmungen erhalten sind.

1) Doch nur in dem Falle, dass wir Strabo's Ausdruck: „yvoùs SLEWE VƠuÉvos“ übersetzen: „er erkannte, dass er betrogen worden war“, und nicht „dass er sich getäuscht hatte“; da Strabo den grössten Theil des Missgeschicks auf die Verrätherei des Sylläus zurückführt, so wird erstere Fassung hier die richtige sein. 2) „Nie sahe ich eine Stadt, deren Boden stiefmütterlicher von der Natur behandelt wurde, als Suez. Auch nicht eine Spur von Vegetation, keinen Baum, keinen Strauch, keine einzige Pflanze findet man in der Stadt und auf dem festen Lande umher. Nordwärts sieht man nichts, als eine gränzenlose Ebene, die gänzlich wüste ist.“ Seetzen, Reisen durch Syrien etc. I, 125. 3) Bartholomaei Castelli lexicon medicum graeco-latinum p. 654 u. 688.

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