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zählt auch Mariana in seiner Geschichte von Spanien. (Buch XII. Kap. I.)

Die Sache hatte aber damals auch eine recht praktische Bedeutung. Es begann nämlich bei der immer mehr überhandnehmenden Verdorbenheit der Geistlichkeit bei den Laien die Frage aufzutauchen; ob nicht die Sittenlosigkeit des Priesters auf die von ihm ausgeübte heilige Handlung schädlich wirke, sie gar ungiltig mache, ob nicht die Hand des Sünders die Heiligthümer, die sie berühre, verunreinige.

Diesen verfänglichen Fragen trat nun die Geistlichkeit mit allem Eifer entgegen, erklärte, dass die Heiligkeit und Würdigkeit der Sakramente nicht geringer sei, wenn sie auch ein unsittlicher sündenbeladener Priester spende und ermahnte, den Worten und nicht den Thaten des Predigenden zu folgen. Fliesst für uns des Heilands Wort zu Thal,

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Geht ihm durch die Sünder und die Thoren

Doch die Gottesfrische nicht verloren,

Und die Kühlung heisser Erdenqual.

lehrten sie, wenn auch ihre Worte nicht so poetisch lauteten, wie sie der moderne Dichter wiedergibt. 1)

Um dieser Lehre beim Volke Eingang und Anerkennung zu verschaffen, wurde auch eine Parabel fabricirt, welche wir in den Gesta Romanorum (cap. 12 de malo exemplo) finden: „Ein Laie, welcher niemals bei der Messe sein wollte, die ein lüderlicher Pfarrer celebrirte, weil er glaubte, dass ein Priester, der ein abscheuliches Leben führt, nicht eine lautere und Gott gefällige Messe feiern könne, kam einst zu einem Bache, dessen klares und angenehmes Wasser ihm sehr behagte. Während er trank, erschien ihm ein Greis, zeigte ihm, wie dieser Bach aus dem Rachen eines räudigen Hundes entspringe, und gab dem vor Ekel schaudernden Manne die Lehre mit: „Wie dieses Wasser durch das Maul des räudigen

1) N. Lenau, Die Albigenser. C. VI. Die Höhle.

Hundes fliesst und seine eigenthümliche Farbe und Geschmack nicht verliert, nicht beschmutzt und verdorben wird, so verhält es sich mit der Messe, die ein unwürdiger Priester feiert. Daher sollst du, wie sehr dir auch der Lebenswandel eines solchen Priesters missfällt, doch seine Messe andächtig hören."

Boccaccio parodirte dieses Geschichtchen, indem er die Lehre auf die Spitze trieb und erzählte, wie selbst die grössten Sünder mit Erfolg als Fürsprecher bei Gott angerufen werden können, wenn man nur an ihre Heiligkeit glaube.

§ 5. Den Uebergang von den Heiligenlegenden und Klostergeschichten zu den mehr weltlichen Sammlungen von Anekdoten und Erzählungen bilden die Werke zweier dem geistlichen Stande angehöriger Schriftsteller des 12/13. Jahrhunderts, des Deutschen Caesarius von Heisterbach und des Engländers Walter Mapes.

Caesarius, wahrscheinlich im letzten Viertel des zwölften Jahrhunderts geboren, trat 1198 in das Cistercienserkloster zu Heisterbach ein, ward 1225 Prior in Petersthal bei Bonn und starb um 1244.1)

Von seinen Schriften interessirt uns hier nur sein um 1222 vollendeter Dialogus miraculorum, 2) den er selbst in die zwölf Abschnitte (Distinctiones) De conversione, de contritione, de confessione, de tentatione, de Daemonibus, de virtute simplicitatis, de beata virgine Maria, de diversis visionibus, de sacramento corporis et sanguinis Christi, de miraculis, de morientibus und de poena et gloria mortuorum eingetheilt hat. Jeder dieser Abschnitte enthält wieder einige Dutzend

1) Grässe III. 142; Dr. Alexander Kaufmann, Caesarius von Heisterbach. Ein Beitrag zur Culturgeschichte des 12. und 13. Jahrhunderts. 2. Auflage. Cöln 1862 S. 25, 86, 97. 2) Erste Ausgabe Cöln circa 1475, neueste und beste mit Zugrundelegung der ersten Ausgabe und von 4 Manuscripten aus dem 14. und 15. Jahrhundert von Joseph Strange 2 Bände, Cöln 1851.

Kapitel (der kleinste 35, der grösste 103), deren Gesammtzahl 1746 beträgt.

Das Buch ist, wie Caesarius angibt, aus den mündlichen Vorträgen entstanden, welche er zur Erbauung der Novizen in seinem Kloster gehalten hat und von ihm nur auf Bitten vieler Leute niedergeschrieben worden, damit sich auch die Nachwelt daran erbauen könnte. Den Erzählungen ist auch mitunter ein erbaulich-kritisches Gespräch zwischen Mönch und Novizen über das Erzählte angefügt.

Dieses Werk, aus der Gläubigkeit und Weltanschauung eines frommen Mönchs des zwölften Jahrhunderts hervorgegangen, ist voll mönchischen Aberglaubens und predigt eine mönchische Moral, die nicht immer mit der frommer Menschen unseres Jahrhunderts übereinstimmt. Doch kann man Caesarius das Zeugniss der Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit nicht versagen. Er erzählt mitunter auch recht ärgerliche und schändliche Geschichten von Mönchen und Weltgeistlichen, wenn er seine erbaulichen und moralischen Zwecke dadurch zu fördern meint; aber wenn es ihm zu arg wird, legt er den Finger auf den Mund. 1)

Einmal erzählt er von einem Kleriker in Worms, der ein jüdisches Mädchen verführte und ihr einredete, sie werde den Messias der Juden gebären, worüber ihre Eltern sich höchlich freuten. Caesarius hat kein Wort des Tadels für den Verführer und äussert nur seine Freude über die „Beschämung der Juden," als die Verführte ein Mädchen zur Welt brachte. 2)

Obwohl Caesarius einen eigenen Abschnitt „de miraculis" hat, so ist doch sein ganzes Werk voll Wundergeschichten u. dergl. und, gab er ihm daher mit Recht den Titel Dialogus

1) Quanta mala mali sacerdotes Deum non timentes braxent (brauen) in confessionibus plurimis exemplis tibi possem ostendere, sed parcendum est ordini, parcendum sexui, parcendum religioni. (Dist. III. cap. 41 vol. I. 162.)

2) Dist. II. cap. 24 vol. I. 94. Die Erzählung des Mönchs des dreizehnten Jahrhunderts hat der Abate Casti im achtzehnten Jahrhundert in seiner Novelle Пl quinto Evangelista nachgeahmt.

miraculorum. Während aber andere Legenden- und Märchenerzähler das von ihnen Erzählte gewöhnlich in entfernte oder unbestimmte Zeiten und Länder verlegen, sucht Caesarius alles zu localisiren und chronologisch zu bestimmen. Was er erzählt, hat sich nicht etwa in der Thebais oder in Indien, nicht vor vielen hundert Jahren, sondern in Deutschland, meistens am Rhein, zugetragen, und was die Helden seiner Geschichten betrifft wenn er sie nicht selbst gekannt hat, so hat er wenigstens den Schwiegersohn ihrer Muhme, oder die Enkelin ihres Vetters, oder ein Haus, das ihnen gehörte, gekannt. Dabei hat er aber durchaus nicht die Absicht, den Leser zu belügen; er glaubt wirklich selbst alles, was er erzählt. Er betheuert, dass er nichts erfunden habe, und wenn etwas sich anders verhalte, als er erzählt, so läge die Schuld nur an seinen Gewährsmännern, die es ihm so berichteten. 1) An das ihm Erzählte zu zweifeln, irgendwelche Kritik zu üben, ist nicht seine Sache, und wir müssen ihm dafür dankbar sein, denn er hat uns dadurch manche schöne Sage, manch tiefsinnige Mythe und manche köstliche Anekdote erhalten.

Ich habe bereits oben Gelegenheit gehabt, auf manche seiner Erzählungen hinzuweisen. Hier will ich nur noch eine seiner erbaulichen Geschichten mittheilen, die zwar keinen Zusammenhang mit dem Dekameron hat, aber zur Charakterisirung seines Werkes dienen mag:

Einst, erzählt er im neunten Kapitel des vierten Abschnitts, sangen Kleriker in einer Kirche sehr laut und ohne Andacht, da kam ein Teufel, packte das von ihnen Gesungene in einen Sack und trug es weg.

1) Testis est mihi Dominus, nec unum quidem capitulum in hoc dialogo me finxisse. Quod si aliqua forte aliter sunt gesta quam a me scripta, magis his videtur imputandum esse a quibus mihi sunt relata.

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§ 6. In vielen Beziehungen der Antipode des Caesarius ist sein etwas älterer Zeitgenosse, der in der ersten Hälfte des zwölften Jahrhunderts in einer dem Fürstenthum Wales nahe gelegenen Grafschaft geborene Walter Mapes. Früher im Haushalte des Erzbischofs Thomas Beket beschäftigt, trat er dann in die Dienste König Heinrichs II., der ihn mit Missionen an den Papst Alexander III. und an den König Ludwig VII. von Frankreich betraute. Er war Hofkaplan des Königs Heinreich, Kanonikus von St. Paul und ward 1196 oder 1197 Archidiaconus von Oxford. Ueber seine spätern Schicksale fehlen die Nachrichten, und ist er wahrscheinlich am Anfange des dreizehnten Jahrhunderts gestorben. 1)

Obwohl selbst dem geistlichen Stande angehörig, war Walter durchaus kein Freund der Mönche, deren Fehler und Laster er in seinen Werken geisselte. Besonders waren es die ritterlichen Mönchsorden und die Kollegen des Caesarius, die Cistercienser, welche in ihm ihren erbittertsten Feind hatten.

Wahrscheinlich zwischen 1180 und 1190 verfasste er sein Werk De nugis curialium distinctiones quinque,2) (nach dem einzigen Manuscript in der bodleyanischen Bibliothek, herausgegeben von Thomas Wright, London 1850), eine Sammlung der verschiedenartigsten Dinge: Hof- und Klosteranekdoten, Heiligenlegenden, Märchen und Feengeschichten, historischer Nachrichten u. s. w. Auch eine lange Schmähschrift gegen die Frauen (die Epistel des Valerius an Rufinus), findet sich darin, sowie eine kurze Geschichte Englands von Wilhelm Rufus bis Heinrich II.

Walter hat vor dem beschränkten Mönch von Heisterbach nicht nur die am Hof und auf Reisen erworbene Welt- und

1) Walter Map, von Dr. G. Philips in den Sitzungsberichten der kais. Akademie der Wissenschaften phil. hist. Klasse. Wien 1853 Bd. X S. 319-399. Einleitung von Thomas Wright zu seiner Ausgabe der Nugae curialium.

2) Nach Philips a. a. O. S. 367 hat Walter diesen Titel und manche Einzelheiten dem gleichnamigen Werke des Johann von Salisbury entlehnt.

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