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Heroenzeit enthielten oder auch spätere milesische Vorgänge behandelten, wissen wir nicht. Aber wenn auch die Erzählungen von Miletus und Sybaris in ihrer ursprünglichen Gestalt und als Ganzes uns nicht erhalten sind, so ist der Stoff doch ohne Zweifel geblieben und durch mündliche oder schriftliche Ueberlieferung, wenn auch entstellt und modernisirt, in die erzählende Literatur des Mittelalters, manches davon wohl auch ins Dekameron übergegangen. In diesem Labyrinth aber das so viel veränderte und entstellte jonische und grossgriechische Eigenthum herauszufinden, dazu fehlt uns der Ariadnefaden; und wenn ein moderner Dichter lost tales of Miletus" geschrieben, so hat er nur das gethan, was jener Cornelius Gallus thun sollte: er hat Stoffe aus Parthenius und andern alten Autoren poetisch bearbeitet; aber dass er von den eigentlichen Milesischen Erzählungen nicht mehr weiss als andere Menschenkinder, gesteht er selbst ein.

Von den Erzählungen des Parthenius ist es eine (Nr. 8), die uns wegen ihrer Verwandtschaft mit einer Novelle des Dekameron besonders interessirt, und deren Heldin eine Milesierin ist. Diese, Erippe mit Namen, wurde bei dem Einfalle der Gallier in Jonien gefangen genommen, und mit Zurücklassung ihres zweijährigen Kindes nach Gallien geführt. Ihr Gatte Xanthus, der sie sehr liebte, brachte durch Veräusserung seiner Habe 2000 Goldstücke zusammen, und zog damit nach Gallien, um seine Frau loszukaufen. Hier bot er dem edlen Kelten tausend Goldstücke als Lösegeld an, und Dieser, die ausserordentliche Liebe des Mannes bewundernd, erklärte sich mit dem vierten Theil der angebotenen Summe begnügen zu wollen. Erippe zeigte sich anfangs über die Ankunft ihres Mannes sehr erfreut und erfuhr von ihm, dass er 2000 Goldstücke mitgebracht hatte. Da ihr nun der blonde Gallier lieber war als Mann und Kind, so machte sie ihm den Vorschlag, den Xanthus zu tödten, und die 2000 Goldstücke zu behalten.

Der edle, aber nicht sehr galante Kelte, ob dieser Niederträchtigkeit Erippe's entrüstet, hieb ihr den Kopf ab, erzählte dann dem Xanthus die Ränke seiner Frau, und liess ihn mit dem ganzen Gelde frei abziehen.

Wir wissen nicht, ob sich diese Erzählung aus dem Werke des Parthenius verbreitete, oder ob ihr wirklich irgend ein wahrer Vorfall zu Grunde liegt, dessen Tradition sich in Frankreich erhalten, aber wir finden in Europa verschiedene Bearbeitungen dieses Thema's.

Am nächsten steht dem Parthenius die von Mussafia (Ueber die Quelle des altfranzösischen Dolopathos. Wien 1865) aus einer Handschrift (N. 4739) der Wiener Hofbibliothek mitgetheilte Historia infidelis mulieris. Der liebende Gatte, der seine Frau, selbst als sie aussätzig wird, nicht verlassen will, heisst hier Rudolf von Slusselberg, ein Ritter aus Franken. Er bekämpft Schlangen und andere giftige Thiere, um seiner Frau den Weg zum heilenden Bade zu bahnen, ist also noch opfermüthiger als der Grieche, der noch etwas von der mitgenommenen Summe erübrigen wollte. Allein kaum ist die Frau genesen, als sie ihren Mann verlässt und die Maitresse eines heidnischen Königs wird. Wie Xanthus nach Gallien, so zieht Ritter Rudolf in das Land der Heiden und findet endlich seine Frau. Der mittelalterliche Heide ist aber nicht so grossmüthig wie der antike Kelte. Er überlässt das Schicksal des Mannes der Entscheidung der ungetreuen Frau, und diese lässt ihn binden und auf glühende Kohlen legen, während sie sich in seiner Gegenwart den Liebkosungen des Heiden ungenirt überlässt. Das Kind des Ritters, welches die Frau mitgenommen hatte, befreit endlich seinen Vater, welcher hierauf die Frau und den König tödtet und mit dem Knaben entflieht.

Eine aus dem dreizehnten Jahrhundert stammende polnische Version dieser Erzählung, welche sonderbarerweise mit der Walthariussage verbunden wurde, erwähnt Liebrecht in

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Orient und Occident I. S. 125. Aehnlichen Inhalts ist auch die Erzählung vom schönen Jüngling aus Tiberias" in den Beispielen König Salomons (bei Jellinek Bet ha-Midrasch IV. 146), sowie die von Grässe (Gesta II. 193) nach einer deutschen Version der sieben Weisen mitgetheilte „von Gordianus“. Doch fehlt in Letzterer die aufopfernde Treue des Mannes und statt des Kindes befreit den Ritter die ungeschickte Bosheit der Frau selbst. Zugesetzt sind die giftige Spinne und die Verkleidung der Frau.

Der mittelalterliche Erzähler hat die artige Erzählung des Griechen, wie wir sehen, durch seine Uebertreibung arg zugerichtet; aber noch schlimmer erging es ihr in andern Händen. In den occidentalischen Bearbeitungen der Sieben Meister (Keller CCXVIII und Vers 1440-1640. D'Ancona 37. Grässe Gesta II. 216. Calumnia 11. Erz.) fällt die Schuld ganz auf den Mann, den Marschall (oder Seneschall), der für Geld seine Frau trotz ihres Widerstrebens dem Könige leiht und ihm nicht sagt, dass es seine Frau ist. Als der König den wahren Sachverhalt erfährt, verbannt er den habsüchtigen Mann und macht die Frau zur Königin. In diesen Bearbeitungen ist der Mann der Schuldige, und wird daher die Erzählung von der verleumdenden Stiefmutter vorgetragen, während in den orientalischen Bearbeitungen der Sieben Meister ein ähnliches Ereigniss, wo aber der Mann als weniger schuldig dargestellt wird, von einem der Weisen erzählt wird.1)

Mit dieser Erzählung hat einige Aehnlichkeit Boccaccio's Novelle von Zima (III. 5), wo ebenfalls ein habsüchtiger Ehemann die verdiente Strafe leidet, während in Dekameron VIII. 1 und 2 die Habsucht der Frau bestraft wird.

Noch greller und widriger als in der Historia infidelis mulieris wird die Bosheit der Frau im Pantschatantra und

1) Bademeister und Königssohn bei Sengelmann 187, Carmoly 111 Asiatic Jour

nal XXXVI. 14.

andern von Benfey (I. 436-461, II. 303-6) mitgetheilten orientalischen Erzählungen geschildert. ')

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Die verwandte Erzählung der 1001 Nacht von Adileh (Nacht 555, bei Habicht XIII. S. 64) bildet den Uebergang zur Wittwe von Ephesus." Dagegen handelt die von Dhûminî im Dasakumara Tscharitra, (Fauche S. 210) in welcher Eduard Grisebach die indische Quelle der treulosen Wittwe gefunden haben will, von einer Ehefrau und nicht von einer Wittwe und kann man höchstens, um Benfey's Ausdruck zu gebrauchen, sagen, dass sie diesem Gedankenkreise angehört. Das Kurioseste dabei ist aber, dass Griesebach, der Fauche's Uebersetzung nicht kannte, etwas entdeckt zu haben glaubte, was Benfey unbekannt war, während dieser doch (I. S. 436) die Geschichte von Dhûminî erzählte; freilich ohne sie für die Quelle, der treulosen Wittwe auszugeben.

Wenn Parthenius, oder richtiger sein Original Aristodemus von Nysa, zu seiner Erzählung eine orientalische Quelle benutzt hat, so ist hier am meisten der feine Geschmack des Griechen zu bewundern, der mit geschickter Hand die abenteuerlichen, märchenhaften und oft ekelhaften Auswüchse seiner orientalischen Vorgänger zu entfernen wusste, welche dann wieder unter den Händen der mittelalterlichen Bearbeiter hervorwuchsen. Erst der den Griechen verwandte Geist Boccaccio's wusste den interessanten Stoff mit feinem Geschmack zu bearbeiten.

Das traurige Thema von „January und May" ist fast so alt wie die Welt, und doch weiss ihm Boccaccio immer neue Seiten abzugewinnen. In der Novelle, von der hier die Rede ist (II. 10), wird der alte, fromme, eifersüchtige Richter von Pisa mit solch' gutmüthigem Humor geschildert, dass wir ihm unser Mitleid nicht versagen können, und als er mit dem Lösegeld kommt, um seine junge Frau zu befreien, weiss diese

2) Vergl. auch die angeführte Schrift von Mussafia S. 14. (Aus den Sitzungsberichten der kais. Akad. der Wissensch. 1864 Band 48) und Liebrecht, Zur Volkskunde S. 39-43.

ihre Gründe, warum sie den Aufenthalt beim jungen Korsaren vorzieht, so überzeugend auseinanderzusetzen, dass wir auch ihr Recht geben müssen. 1) Boccaccio hat hier nicht nur seine orientalischen und mittelalterlich-europäischen Vorgänger, sondern auch den Griechen weit übertroffen. Auch bei Diesem liegt noch ein drückender Ernst auf der Erzählung, während Boccaccio's Humor hier unwiderstehlich ist.

§ 5. Im zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung schrieb Lucius Apulejus aus Madaura in Afrika seine Metamorphosen (auch der goldene Esel genannt). Dieser lateinische Roman, welcher sich als eine Sammlung Milesischer Märchen ankündigt (Ut ego tibi sermone isto Milesio varias fabulas conseram, lib. I. S. 2), bildet den Uebergang von diesen Märchen und Erzählungen zu den spätern griechischen Romanen: Die einzelnen im Roman des Apulejus eingeschalteten Erzählungen haben den leichtfertigen Humor und die Indecenz der milesischen, während der Roman als Ganzes mit seinen Abenteuern, Räubern, Entführungen und drgl. den spätern griechischen Romanen ähnlich ist.

Das Erant in quadam civitate rex et regina, mit dem die schönste dieser Erzählungen anfängt (lib. IV. S. 300), erinnert an die Eingänge vieler mittelalterlicher Erzählungen.

Der Inhalt dieses Romans ist ungefähr folgender: Ein junger Mann aus Afrika, Namens Lucius (Der Autor erzählt in der ersten Person, gleichsam seine eigenen Schicksale), kommt nach Hypata in Thessalien, dem classischen

1) Für diesen Zug hatte Boccaccio übrigens auch ein griechisches Vorbild. In Aristaenetus' Briefen (lib. II. ep. 3 Paris 1822. S. 134) wird von der Frau eines Advocaten erzählt, die sich bei ihrer Freundin beklagte, dass ihr Mann es vorzog (wie Hamilton Grammont vom grossen Theologen Whittnell sagt) de feuilleter de vieux livres que de jeunes appas.

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