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gutem Namen beschäftigen; eine einseitige politische Parteistellung vertreten sie ebensowenig wie die Revue Bleue, die allerdings ebenso republikanisch ist wie die Grenzboten monarchisch, aber mit völliger Wahrung des selbständigen Urteils in jeder einzelnen Frage. Ein Jahrgang Grenzboten und ein Jahrgang Revue Bleue, das wäre ein interessanter Vergleich, den auszuführen ich meinen Lesern überlassen möchte. Leipzig. W. Seydel.

Neue Tauchnitzbände.

Unter den neu vorliegenden Tauchnitzbänden finden wir wieder die Namen bekannter und beliebter Erzähler. Da ist zunächst ein neuer Jerome Tommy & Co. by Jerome K. Jerome (Vol. 3762). Jerome gibt uns in diesem neuesten Bande eine Reihe kurzer Erzählungen, die durch einen allerdings sehr losen Rahmen oberflächlich zusammengehalten werden. Es sind meist kurze Episoden aus dem Schriftstellerleben, deren Helden im Laufe der Ereignisse alle mit der Zeitung Good Humour in Verbindung treten. Es ist ein wunderliches Völkchen, das Jerome uns vorführt, und wunderlich und jedenfalls nicht alltäglich erscheinen uns die Erlebnisse der Helden. Von den sieben abenteuerlichen Erzählungen sei hier nur erwähnt, dass Jane, genannt Tommy, ihren Schriftstellerberuf damit eröffnet, dass sie als zwölfjähriges Mädchen von einer Brücke auf einen fahrenden Eisenbahnzug herabspringt, um zu einem Interview mit einem schwer zugänglichen Staatsmann zu gelangen. Trotz all der Wunderlichkeiten, die es enthält, ist Tommy & Co. amüsant von Anfang bis zu Ende.

Wunderliche Abenteuer erzählt uns auch Frank Frankfort Moore in The Original Woman (Vol. 3749). Hier sind es aber nicht so sehr die Ereignisse, die durchaus nicht vom Alltäglichen abweichen, als vielmehr die Einmischung überirdischer Mächte, die der Erzählung einen besondern Charakter verleihen. Wie in Shipmates in Sunshine spielt die Katastrophe des Mont Pelée und die Schilderung der westindischen Landschaft eine bedeutende Rolle auch in dem neuesten Buche des fesselnden Erzählers. Westindien, als der Wohnplatz des Obi, eines bösen Geistes, in dessen Dienste Stephen Urquhart die Macht gewinnt, Frauenherzen das Herz der ursprünglichen Frau, die ihren Instinkten folgt nach seinem Sinne zu lenken, und Verderben auf seine Widersacher herabzubeschwören, bis gute Geister seine Künste durchkreuzen und seine bösen Pläne zunichte machen.

Die vielen Freunde, die sich Marie Corelli mit ihren Romanen erworben hat, werden auch ihr neuestes Werk God's Good Man (Vol. 3760/61) mit Freuden begrüssen. Und sie tun recht daran, denn schwerlich wird man sonstwo in zwei Bänden so viel schöne Gefühle, so rührende Szenen und so naives Plaudern finden, wie sie Corelli hier an

gehäuft hat. St. Rest heisst das liebliche, kleine Dorf, in dem ein idealer Pfarrer in einer nahezu idealen Gemeinde wirkt, deren Frieden nur durch die Heimkehr der Erbin des Herrenhauses, der lieblichen Maryllia Vancourt gestört wird, die mit ihrem Gefolge von Weltmenschen, von Automobils und von Zigaretten rauchenden Damen die naiven Dorfbewohner beunruhigt. Die Mittel, mit denen Corelli wirkt, sind einfach. Sie malt schwarz in weiss, Engel und Teufel. Im ganzen ein richtiges Backfischbuch, d. h. ein solches, wie es die Backfische gerne lesen, nicht wie man es ihnen geben sollte, um sie auf das Leben vorzubereiten. Ebenfalls für jugendliche Leser ist The Courtship of Morrice Buckler by A. E. W. Mason (Vols. 3714/15). Der Ton des Buches, eines halb historischen Romans, mit der Erhebung von Montmouth (1685) als Hintergrund, ist sehr anders als der, den Corelli anschlägt. Kein sanftes Liebesgeplauder, sondern Mord, Eifersucht, grässliche Kerkerhaft, gefahrvolle Reisen muss der Held teils aktiv, teils passiv durchleben, aber die belle dame sans pitié bleibt Herzenskönigin, und zum Schluss lohnt ihr Besitz die Treue des Ritters. Von Charakteristik ist nicht viel zu sagen, die Verwickelung der Situation bildet den Inhalt des Buches.

Ein gutes Buch für die Jugend, das sich auch viele Freunde unter älteren Lesern erwerben wird, ist Rebecca of Sunnybrook Farm by Kate Douglas Wiggin (Vol. 3740). Es ist die Geschichte eines Schulmädchens und schliesst mit dem Ende der Schulzeit und mit dem Eintritt des jungen Mädchens in das Berufsleben. Es herrscht ein gesunder Ton in dem Buche, und ich würde es den Kolleginnen unbedingt zur Klassenlektüre empfehlen, wenn es nicht etwas viel Dialektstellen und Amerikanismen enthielte.

Odd Craft by W. W. Jacobs (Vol. 3707) und Tomaso's Fortune and Other Stories by Henry Seton Merriman (Vol. 3736) enthalten kleine Geschichten, oft nur Bilder. Der Inhalt der beiden Bücher ist sehr verschieden und sehr verschieden auch die Art der Verfasser, unser Interesse zu fesseln. Jacobs erzählt uns derbe Scherze von Seeleuten. Die teetotalers, die von den Kameraden zum Trunk verführt werden, blutige Schlägereien und verspottete Polizisten erwecken den gutmütigen Humor des Verfassers. Es ist staunenswert, wie er es versteht, diesem beschränkten Kreise immer neue humoristische Seiten abzugewinnen und den Leser durch seine prächtigen Schilderungen zu belustigen. Ganz anders der Ton, den Merriman anschlägt! Die kleinen Erzählungen sind zu verschiedenen Zeiten geschrieben und in verschiedenen Zeitschriften erschienen. Auf wenigen Seiten gibt er Novellen, kleine Ausschnitte aus dem Leben. Sie sind ernst, oft recht traurig, aber sehr interessant geschrieben, und der Umstand, dass die Szenerie immer wechselt, erhöht das Vergnügen bei der Lektüre dieses empfehlenswerten Buches.

Auch The New Lady Teazle and Other Stories and Essays by Helen Mathers (Vol. 3748) und One doubtful Hour by Ella Hepworth Dixon (Vol. 3755) sind Sammlungen kürzerer Erzählungen, Eheprobleme und Liebesgeschichten, amüsant erzählt, wenn auch nicht. besonders tief in der Charakteristik. Helen Mathers fügt ihren Erzählungen noch kurze Betrachtungen, Side Shows, aber allerhand gesellschaftliche Zustände und Missstände hinzu, die manches Anregende enthalten, wenn man auch nicht allen Ansichten der Verfasserin zustimmen kann.

A Garden of Spinsters by Annie E. Holdsworth (Vol. 3758) ist eine Sammlung von zehn kleinen Geschichten, denen die Verfasserin Blumennamen als Titel gibt, und in denen sie von alten und von alternden Mädchen erzählt, und wie es kam, dass sie einsam durchs Leben gingen. Ein etwas sentimentales Buch..

Königsberg.

Julie Sotteck.

Gerhard Budde, Bildung und Fertigkeit. Gesammelte Aufsätze zur neusprachlichen Methodik. Hannover, Carl Meyer (Gustav Prior) 1905. 65 S. Mk. 1,25.

In vorliegendem Bändchen ist eine Reihe von Aufsätzen, die Herr Budde in den letzten Jahren geschrieben und zum Teil auch schon in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht hat, gesammelt herausgegeben. Eingedenk des vorangestellten Mottos: „Der Gebrauch einer fremden Sprache hat überall die Gefahr bei sich, zu formaler Virtuosität bei innerer Hohlheit zu führen (Paulsenj“ ist Budde bestrebt, den neusprachlichen Unterricht, insbesondere an den Oberrealschulen, auf ein höheres Niveau zu bringen, als es die hauptsächlich auf Erzielung von Sprechfertigkeit bedachten Reformer tun.

Schon in dem ersten Aufsatz, der noch aus dem Jahre 1895 stammt, Der neue Kurs im höheren Schulwesen (S. 7—11) wendet er sich gegen die Verachtung der „formalen Bildung", das Zurückdrängen der Grammatik in den klassischen Sprachen, die Betonung einer gewissen praktischen Fertigkeit in der Mathematik und vor allem gegen das Utilitätsprinzip im neusprachlichen Unterricht. Insbesondere zeigt er die Unausführbarkeit und Zwecklosigkeit der Parliermethode. Es kommt für die Schulen weniger darauf an, „den Schülern eine möglichst grosse Summe von Fachkenntnissen beizubringen, als vielmehr die Kräfte ihrer Individualität auf intellektuellem und ethischem Gebiet nach Möglichkeit zu wecken und im Hinblick auf die später vom Leben von ihnen geforderte eigene Weiterentwickelung zu stärken" (S. 11).

In dem zweiten Aufsatze Die neusprachliche Reformbewegung in kulturhistorischer Beleuchtung (S. 13-17) führt Budde auf Grund einer historischen Betrachtung aus, wie das humanistische Bildungsideal durch das utilitarische allmählich zurückgedrängt wurde, wie die

Realien seit dem 17. Jahrhundert mit Gewalt Eintritt in die Schule verlangen und dort immer mehr Raum gewinnen. So ist auch der neusprachliche Radikalismus. . . nicht eine Erscheinung für sich, sondern ein Symptom der allgemeinen materialistisch-utilitarischen Geistesrichtung, die einem grossen Teil des 19. Jahrhunderts das Gepräge gab" (S. 14). Daher der erbitterte Kampf gegen das Gymnasium, daher die Forderung, dass man lebende Sprachen nur dazu lernen solle, um sie im Verkehr praktisch zu verwerten. Die neusprachliche Reformbewegung kam dieser Forderung des Zeitgeistes entgegen ohne zu bedenken, dass diese Aufgabe auf der Schule überhaupt nicht zu lösen sei,

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Wie aber die neusprachliche Reformbewegung nur ein Symptom tieferliegender Erscheinungen war, so ist auch der seit einer Reihe von Jahren unleugbar eingetretene Frontwechsel gegen die Reform nicht bloss eine vorübergehende äussere Erscheinung, sondern er ist tiefer begründet in der ganzen geistigen Strömung der Zeit. Es hat in dem. geistigen Leben Deutschlands in den letzten Jahren ein Tendenzwechsel stattgefunden, der sich auch in dem Rückgang des neusprachlichen Radikalismus als einem Symptom äussert“ (S. 15).: „Die moderne Menschheit, deren Verstand im Zeitalter der Technik übersättigt, deren Gemütsbildung aber vernachlässigt ist, fühlt seit einiger Zeit offenbar in sich eine innere Leere und beginnt, um diese auszufüllen, sich in das lange gemiedene Gebiet religiöser, philosophischer und künstlerischer Ideale zu flüchten., . Dieser Umschwung äussert sich gesetzmässig auch sofort wieder in den pädagogischen Bestrebungen, in denen. unverkennbar im letzten Jahrzehnt der Utilitarismus mehr und mehr bekämpft wird und ideale Gesichtspunkte wieder stärker betont werden“ (S. 16). Damit ist auch der Rückgang des neusprachlichen Radikalismus unvermeidlich geworden. Von den verschiedensten Seiten erklingt lauter und lauter die Aufforderung, nun endlich die praktische Sprechfertigkeit, die zu erzielen man sich seit zwanzig Jahren vergeblich abgequält hat, zurückzustellen und in erster Linie neben einer vernünftigen grammatischen Bildung vor allem das Literarische im Unterricht zu pflegen, ein Gebiet, das in dem Kampf der Reformer, der vor allem dem grammatischen Betrieb der Spracherlernung galt, bisweilen völlig ausgeschaltet zu sein schien, und das doch gerade die ideal bildenden Momente, die Nahrung für Verstand, Gemüt und Geschmack in sich birgt, nach der die neue Zeit . . . so dringend verlangt“ (S. 16). Von diesem Gesichtspunkte aus stellt Budde der neusprachlichen Bewegung das Prognostikon, dass für die radikale Richtung derselben, die als erstes und einziges Ziel des Unterrichts Sprechfertigkeit verlangt, und die offenkundig schon seit Jahren an bedenklicher Entkräftung leidet, das Ende nahe bevorsteht und einer vermittelnden Richtung die Zukunft gehört" (S. 17).

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Doch ich kann nicht alle in dem Büchlein enthaltenen Aufsätze eingehend skizzieren, ich würde dadurch die hoffentlich recht zahlreichen Leser des Genusses an der Schrift berauben. Die folgenden Aufsätze handeln über Die Grenzen einer Reform des neusprachlichen Unterrichts (S. 19-24), W. Münchs Stellung zur neusprachlichen Reformbewegung (S. 25-32), Die Zukunft der Oberrealschule (S. 33—37), Die historischliterarische Vorbildung der Neusprachler (S. 39-41), Randglossen zum Kölner Neuphilologentage (S. 43-47). Organisation und Methodik des neusprachlichen Unterrichts am preussischen Gymnasium (S. 49–57) und Entwurf eines Lehrplanes für das Englische am Gymnasium (S. 59—65). Zu dem Aufsatze über W. Münch wäre zu bemerken, dass Koschwitz doch nicht so „einseitig“ und „ultrakonservativ" war, wie Budde (S. 26) es darstellt, und wie es vielleicht mitunter den Anschein hatte. Koschwitz sprach selbst ein elegantes Französisch und war in der Phonetik zu Hause wie kaum einer von den Reformern; es ist also selbstverständlich, dass er auch diese praktische Seite des Unterrichts nicht vernachlässigt sehen wollte. Er wollte sie nur nicht als erstes und alleiniges Ziel des Unterrichts gelten lassen und hat darum die von den Reformern zurückgedrängten Seiten des Sprachunterrichts, die formale Schulung durch die Grammatik und die durch die Lektüre bewirkte Geistesausbildung um so stärker betont.

Ich empfehle die anziehend geschriebenen Aufsätze allen, die es mit dem neusprachlichen Unterricht Ernst nehmen, zu eifriger Lektüre, insbesondere auch den Reformern, die immer noch gegen die Zeichen der Zeit ihre Augen und Ohren verschliessen. Wir würden uns mit dem Verfasser „freuen, wenn diese Aufsätze ein Scherflein dazu beitragen könnten, die moderne deutsche Pädagogik von utilitarischen Abwegen wieder auf den Weg echter Wissenschaftlichkeit und gediegener Bildung zurückzuführen“ (S. 3).

Königsberg.

Max Kaluza.

Bücherschau.

Bei der Redaktion sind vom 1. November 1904 bis 1. Februar 1905 folgende Bücher eingelaufen:

Monatschrift für höhere Schulen, 3, 11. 12. 4, 1.

Pädagogische Woche, 1. Jahrg. 1. Heft. Arnsberg, Stahl 1905.
Revue de l'enseignement des langues vivantes. 21, 10 - 12.
Journal of Education, Nr. 424-426.

Beiblatt zur Anglia, 15, 11—16,1.

Modern Language Notes, Jan. 1905

Tidning för Sveriges läroverk, Nov. 1905.

The American Journal of Philology, XXV, 2-3.

Rhenius, Wo bleibt die Schulreform? Ein Weckruf an das Volk der Denker. Gewidmet der deutschen Jugend und ihrem Kaiser. Leipzig, Felix Dietrich, 1904. 2,50 Mk.

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