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Der Congreß zu Troppar und Laybad. (Bu Troppa u vom 20. Oct. bis 20. Nov. 1820. Zu Laybach vom 6. Jan.

bis 12. Mai 1821.) Wenn wir hier einige Actenstücke aus den Congreßverhandlungen zu Troppau und Laybach aufführen, so geschieht Dies nicht wegen der damaligen Verhältnisse Italien's; denn diese haben, nach Unterdrüdung der revolutionären Bewegung in den Königreichen Neapel und Sardinien, keine weitere Veränderung erlitten; der Congreß hat viela mehr durch östreidische Militärgewalt Alles wieder auf den alten Fuß gefeßt. Wohl aber behauptet dieser Congreß in fo ferne auch für unsere Zeit noch eine besondere Wichtigkeit, alb von den drei nordischen Mächten hier als gemeinsamer Grundsaß aufgestellt wurde, keine Veränderung in der Verfassung eines Landes anzuerkennen, die nicht unter freiwilliger Beistimmung der bisher legitimen Regierungegewalt zu Stande gekommen sei, vielmehr den durdy Liberalismus bedrängten Fürsten zu Hülfe zu kommen, mittels bewaffneter Intervention Neuerungen wieder auf den alten Stand zurüdzuführen und auf solche Weise das legitime, monarchische System in den Ländern Europa's aufrecht zu erhalten. Die Schreiben der Monarchen von D estreidy, Rußland und Preußen an den König von Neapel drücken die Absichten des Congresses folgendermassen aus „å garantir de toute atteinte l'indépendance politique et l'intégrité territoriale de tous les Etats, et à assurer le repos et la prospérité de chacun des pays dont elle se compose“ (Worte aus dem Schreiben des Kaisers von Destreich vom 20. Nov. 1820 an den König von Neapel). England widersprach diesen Grundsäßen entschieden, Frankreich gab wenigstens keine Beistimmung; keine dieser Mächte aber widersepte fid ernstlich ihrer Durchführung von Seiten der nordischen Höfe. Die Veranlassung zum Congresse von Troppau und Laybach und zur Aufstellung des Prinzips der bewaffneten Intervention gab der Fürst Metternich. Es hatten sich am Anfang des Jahres 1820 in verschiedenen Ländern Bewegungen gezeigt, die dem absolut-monarchischen System Höchst bedenklich erscheinen mußten. In Spanien war am 1. Jan. 1820 eine vom Militär ausgebende Revolution ausgebrochen; vier Bataillone unter Riego proclamirten am Neujahrstage zu S. Juan die Verfassung von 1812. Die Bewegung machte so schnelle Fortschritte, daß fich der König Ferdinand VII. fchon am 7. März 1820 veranlaßt fah, die Constitution von 1812 anzunehmen und zu beschwören. In Folge der Beschlüsse der nach den Bestimmungen von 1812 einberufenen Cortes wurden das Inquisitionstribunal und ein großer Theil der Klöster aufgehoben, sowie viele andere Neuerungen im constitutionellen Sinne durchgeführt. Das Beispiel wirkte auch auf Italien. Die Carbonari's hielten den Zeitpunkt für günstig, ihre länger vorbereiteten Pläne auf eine Revolutionirung Italien's zur Ausführung zu bringen. Der Aufstand begann im Königreich beider Sicilien, wo am 2. Juli 1820 in der Stadt Nola ber Lieutenant Morellt und der Priester Minidint mit dem Rufe für Gott, König und Constitution“ durch die Strassen zogen und mit ihren Leuten sogleich Anhang fanden. Auch im Königreich Neapel

es pornehmlid, das Militär, welches fich der Bewegung anschloß. Wie in Spanien die Iruppen unzufrieden waren, daß fie der König nad Amerika zur Unterwerfung der südamerikanischen Provinzen ididen wollte, so hatte auch in Neapel vornehmlich unter den Officieren der Umstand Erbitterung hervorgerufen, daß der König Ferdinand dem östreichischen General Nugent den Oberbefehl über die sicilianisch-neapolitanische Armee übertragen hatte. In der Hauptstadt Neapel stellte sich der General Pepe an die Spiße der Unzufriedenen. Das ganze Heer trat auf Seite der Aufständischen, nur ein einziges Regiment blieb dem König treu und aud dieses bat ihn, den Wünschen des Volkes zu entsprechen. So blieb dem König Ferdinand zuleßt Nichts übrig, als den Forderungen der Aufständischen nachzugeben und die spanische Con= stitution von 1812 im Königreich einzuführen. Sofort brach am 14. Juli 1820 auch in Sicilien eine Revolution aus; hier verlangte man aber Trennung von Neapel und ein eigenes sicilianisches Parlament. Auch die Portugiefen erhoben sich am 24. Aug. 1820, zunächst in Dporto, gegen die Staatsverwaltung des Lords Beresford und verlangten eine Constitution.

Diese günstigen Erfolge der Bestrebungen in Spanien, Portugal und Neapel für die Verwandlung der absolut-monarchischen Regierungsform in eine constitutionelle machten den Fürsten v. Metternich febr bedenklich. Die pyrenäische Halbinsel lag zwar an der Westgrenze Europa’s und konnte der östreichischen Regierung nicht nachtheilig werden; aber eine Revolution in Unteritalien, die ihre Verzweigung, wie albekannt, über ganz Italien hatte, forderte zu schleunigem und ernstem Einschreiten auf. Der Fürst ließ also zunächst durch seinen Schwager, Baron von lebzeltern, Östreichischen Gesandten am petersburger Hofe, dem Kaiser Alerander die Nothwendigkeit eines Monarchencongreffes

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darthun, welcher fich ernstlich mit den Gefahren zu beschäftigen hätte, die
aus den politischen Erschütterungen der pyrenäischen Halbinsel und Italien's
für Europa hervorgehen könnten. Als der Kaiser von Rußland für die
Abhaltung eines solchen Congresses gewonnen war, wandte fich Metter-
nich mit um so fichererem Erfolge an Preußen. Im October 1820
versammelten sich also in Troppau (in östreichisch Schlesien) der Kaiser
von Destreid, der Kaiser von Rußland, der König von Preußen,
der Erzherzog Rudolph, ber Großfürst Nitolaus, der Kronprinz
von Preußen, die östreichischen Diplomaten Fürst Metternid, Graf
Zichy, die Hofräthe H. Genz und Mercy (beide als Protocollführer),
die russischen Diplomaten Graf Neffelrode, Graf Capo d'3strias,
Fürst Woldonsky, Graf Golowkin, Graf Alopä us, die preußi=
schen Diplomaten Fürst Hardenberg und Graf Bernstorff. Eng-
land war durch den englischen Gesandten am wiener Hofe, Lord Stewart,
Frankreich durch den Grafen de la Ferronaye (französischen Gesandten
in Petersburg) und Marquis Caraman (franzöfisden Gesandte
Wien) vertreten. Aud der neapolitanische Gesandte in Wien, Fürst
Ruffo, der die Veränderungen in Neapel nicht anerkannt hatte, nahm
Theil. Kaiser Alerander war anfangs mehr einem gemäßigt liberalen,
vermittelnden Systeme zugeneigt, welches, vornehmlich von dem Grafen
Ferronaye und Capo d'Istria vertreten, teine völlige Rüdführung
der neapolitanischen Zustände auf den alten Fuß, fondern nur eine Ab-
änderung der neuen Verfassung in einem mehr monarchischen Sinn für
nöthig fand. Da aber gerade in dieser Zeit ein Aufstand unter dem
petersburger Garderegiment Semenowski ausgebrochen war, von dem
Metternich durch seinen Schwager, den östreichischen Gesandten in Peters-
burg, früher Nachricht erhalten hatte, als der Raiser selbst, benüşte der
Fürst diese Veranlassung, den Raiser zu bedeuten, wie nun der Geist der
Meuterei auch seine eigene Armee ergreife, wies dabei auf den tropigen
Widerstand des Reichsrathes von Warschau, auf die Erfolge der Revo-
lution in Portugal hin und erklärte, daß er kein anderes Mittel zur
Unterdrüdung des Shwindels tenne, der ganz Europa zu ergreifen drohe,
als eine innige Erneuerung der heiligen Alianz und die offene Erklärung
und Durchführung des Principes der bewaffneten Intervention
in allen Fällen, wo eine Abweichung von den Verträgen von 1815, sei
es nun in Bezug auf die Regierungsform oder auf das Gebiet eines
Staates zum Vorschein komme. Als der Kaiser Alerander fich geneigt
zeigte, auf diesen Vorschlag einzugehen, faßte Metternich sogleich selbst
das Protocoll ab, und dasselbe wurde von den nordischen Monarchen
unterzeidynet, noch ehe die Gesandten von Frankreich und England Etwas
davon erfahren hatten. Leßtere unterschrieben nun zwar dieses Protocol
nicht, England protestirte vielmehr durch eine Circulardepesche des engl.
Ministers Castelereagh vom 19. Jan. 1821 an die englischen Gesandt-
schaften entschieden gegen das aufgestellte Princip der bewaffneten Inter-
vention (Urkunde 6); aber man wußte wohl, daß sowohl der franz

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zöfishe König Ludwig XVIII., als der englische Minister Caftelereagh persönlich mit Metternich übereinstimmten und daß ein öffentliches Bekenntniß zu den im Protocol niedergelegten Ansichten und Bestimmungen nur aus Rüdsicht auf die englische und französische Nation von ihren Vertretern beim Congreß unterlassen worden war. Den deutschen Höfen wurde unter dem 8. Dez. 1820 durch eine Circulardepefche eine Mita theilung über die ersten Resultate der troppauer Conferenzen gemacht (Urkunde 5).

War man nun aber auf Seite der nordischen Höfe einig, die con= stitutionelle Charte in Neapel nicht zu dulden; so bot doch das Einjūreiten gegen die dortigen Neuerungen in so ferne Schwierigkeit, als der König von Neapel feine Einwilligung zu den Veränderungen gegeben hatte und somit aller Grund wegfiel, verlegten monarchischen Interessen in biesem Königreich zu fülfe zu kommen. In der Proclamation vom 6. Juli 1820 hatte der König Ferdinand I. erklärt, daß er von ganzem Herzen in den Wunsch seines Volkes nach einem constitutionellen Gouvernement mit einstimme, freilich wohl auch an demselben Tage, Alter und Krankheit vorschüßend, die Regierung seinem Sohne Franz, Herzog von Calabrien, übergeben, aber Tags darauf, 7. Fult, wiederum in einer Proclamation kund gethan, daß er die vom Volke gewünschte spanische Constitution von 1812 anerkenne und feierlich beschwören wolle, auch alle Handlungen fanctionire, welche sein Sohn vornehmen werde, um diese Constitution in Ausführung zu bringen. Der Prinz-Regent hat die neue Constitution fodann auch wirklich am 18. Dez. 1820 feierlich beschworen. Sehr wahrscheinlich würde der König, so lange er fich in seinem Königreich aufhielt, in allen officiellen Erklärungen eine Uebereinstimmung mit dem Volkswillen gegeben haben, die ihm aller: dinge nicht von Herzen gehen mochte, zu welcher ihn aber die bedentlichen Verhältniffe aufforderten; und es schien dem Congresse daher nöthig, vor allem den König von Neapel in eine unabhängige Lage zu verseßen. Man kam in dieser Absicht überein, den Congreß in eine näher an Italien liegende Stadt, nach Laybady, der Hauptstadt von Krain, zu verlegen und den König von Neapel dorthin einzuladen. Am 20. Nov. 1820 gingen Schreiben der nordischen Monarchen, am 3. Dez. auch ein Brief des französischen Königs an Ferdinand ab, welche ihn aufforderten, nach Laybach zu kommen und an den dortigen Conferenzen Theil zu nehmen (urkunden 2 und 3); Ferdinand antwortete am 11. Dez. in einem gerührten Schreiben (Urtunde 4). In den ersten Tagen des Januar 1821 trafen die Kaiser von Rußland und Destreich, auch der König von Neapel in Laybach ein. Legterer hatte mit Mühe die Genehmigung der neuen Stände zur Reise erhalten; er versprach die Differenzen mit den nordischen Mächten zu vermitteln, gab aber schon am 28. Jan. 1821 von Laybach aus eine Erklärung an seinen Sohn, den Prinz-Regenten, daß die Mächte die Neuerungen in Neapel nicht buldeten, und es außer seiner Macht liege, thre Entschlüsse zu

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ändern. Als Diplomaten von Seiten Deftretch's waren anwesend Fürst Metternich, General von Vincent und als Protocollführer der Ritter 1. Genz; von Seiten Rußland's die Grafen Capo d'stria, Nesselrode und Pozzo di Borgo (russischer Gesandter am französischen Hofe); der König von Preußen erschien diesmal nicht persons lidy, feine Vertreter waren Fürst Hardenberg und Graf Bernstorff. Von Seiten Frankreich's waren erschienen der Graf de la Ferronaye, der Marquis Caraman und der Herzog v. Blacas, franzöfischer Gesandter in Rom. England schicte feinen eigentlichen Bevollmächtigten, sondern in Lord Clanwilliam nur einen diplomatischen Agenten, dem sich aus Etiquette für die anwesenden Monarchen Sir Gordon und später, als die Besepung Neapel's zur Sprache kam, Lord Steward anschlossen. Auch die italienischen Staaten waren vertreten, der Kirchenstaat durch den Cardinal Spina, Neapel, neben dem König, durch den Fürsten Ruffo, Sardinien durch den Marquis von St. Marsan und den Grafen d'Aglie, Toscana durch den Prinzen Nerini-Corfini. Schon nach den ersten Conferenzen waren Destreich, Rußland und Preußen einverstanden, daß eine bewaffnete Intervention durch östreichische Truppen in Neapel in's Wert geseßt werden sollte; Frankreich und die italienischen Gesandten bemühten fich vergeblica, vermittelnden Maßregeln Eingang zu verschaffen. Die französischen und englischen Diplomaten nahmen, nachdem dieser Beschluß gefaßt war, feinen Theil mehr an den Conferenzen. Der Congreß erließ eine Note an die Neapolitaner, worin er erklärte, die Mächte könnten eine auf verbrecherischem Wege dem Lande aufgedrungene Regierung in Neapel nicht dulden; diese Regierung habe abzutreten; nur dem zurüdgefehrten Rönig stebe das Recht zu, unter dem Beirath von tüchtigen Männern, Veränderungen im Regierungswesen vorzunehmen. Diese Beschlüsse des Congresses wurden von den Gesandten der nordischen Höfe in Neapel dem Prinz-Regenten in einer feierlichen Audienz verkündigt, unter dem Beifügen, daß sofort 80,000 Destreider, denen im Nothfall auch russische Truppen folgen sollten, das Königreich befeßen würden. Die Neapolitaner hielten Reden und rüsteten; der Prinz - Regent selbst versprach, sich an die Spige der von General Pepe commandirten Armee zu stellen. Die Destreicher überschritten am 27. Febr. 1821 die neapolitanische Grenze, der Prinz - Regent reiste am 1. März zur Armee ab; bie neapolitanischen Truppen hielten jedoch nicht Stand; am 24. März zogen die Destreicher unter dem Beifallsruf der Menge, welche den König und die absolute Monarchie hoch leben ließ, in Neapel ein; am 15. Mai hielt sodann König Ferdinand selbst unter dem Jubel der Bevölkerung seinen Einzug; am 26. Mai gab er eine Art Staatsgrundgeseß. Ende Juni 1821 war Alles wieder auf den alten Fuß gebracht, das Land blieb jedoch noch von den Destreidern besept. Die Revolution in Sardinien, wo am 10. März 1821 auch die spanische Constitution von 1812 proclamirt worden war, fand durch das Einrüden

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