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Vor hundert Jahren.

Bei der Besprechung der sozialen Bestrebungen unserer Gegenwart im letztjährigen Jahrbuche') deuteten wir den Satz an, dass der Sozialismus sich behufs Ausführung eines jeden konsequenten Programmes aus einer nationalökonomischen Theorie zu einem politischen System werde verdichten müssen, und dass er dann nichts Anderes als die Fortsetzung, beziehungsweise Wiederaufnahme der französischen Revolution sein würde, die es bereits einmal mit grosser logischer konsequenz versucht hatte, diesen Ideen den Raum in dem Gebiete des praktischen Staatsrechts zu verschaffen, ohne den sie schliesslich eine blosse persönliche Liebhaberei einzelner, im öffentlichen Leben nicht massgebender Geister bleiben werden.

Der Gedanke selbst, sowie die hundert jährige Wiederkehr jener Epoche, mit welcher die gesammte <moderne Zeit », in der wir seither lebten, begonnen hat, legt es uns nahe, darauf noch einigermassen näher einzugehen und an der Hand der jetzt ziemlich reichlich vorhandenen Materialien ?) den sozialistischen Staat zu

1) Vgl. besonders pag. 721 ff.

2) Die historische Darstellung dieser grossen Bewegung im Ganzen ist trotz dem Vielen, was darüber schon geschrieben worden ist, nach unserem Dafürhalten noch immer nicht muster

rekonstruiren, wie er vom Anfang Juni 1793 bis zum 27. Juli 1794 auf französischem Boden theoretisch und praktisch bestanden hat.

gültig erfolgt. Es fehlt den meisten Schriftstellern darüber entweder an dem « sûr don d'imagination, qui permet de rendre la vie aux choses du passé », welche Gabe nach dem Urtheil eines der bedeutendsten Geschichtsschreiber die Hauptqualität des Historiographen ist, oder es fehlen die statistisch genauen und in genügender Fülle und Auswahl vorhandenen Einzelheiten. aus denen sich der gebildete Leser das Gesammtbild selbst rekonstruiren kann. Das Beste in dieser letztern Hinsicht hat in neuerer Zeit Taine in seinen « Origines de la France contemporaine » geleistet, die für einen urtheilsfähigen Leser eine ausserordentlich werthvolle Vorarbeit zu einer geschichtlichen Darstellung bilden. Den Geist der französischen Revolution hingegen hat Carlyle in seinem Werke « the french revolution, a history » mit der Kongenialität erfasst und wiedergegeben, die eben zur Schilderung einer solchen grossartigen Epoche in grossen Zügen unentbehrlich ist. Beide zusammen würden vielleicht ein der Wichtigkeit dieses Gewittersturms entsprechendes Werk verfasst haben. Das Vorzüglichste zur eigenen Aufklärung wären auch hier, wie gewöhnlich, die Quellen selbst. Doch ist gerade mit Beziehung auf die Hauptperiode von 1793/94 nicht zu übersehen, dass die Verfassung und die verfassungsmässigen Gewalten nur theoretisch bestanden, viele der wichtigsten Vorgänge daher im Schosse von Sektionen, oder in den Ausschüssen des Convents, in Clubs und revolutionären Comités, oder bei Kommissären der Centralregierung sich abspielten, über die regelmässige Protokolle nicht vorhanden sind. Selbst Taine, der sich möglichst an die Aktenstücke des Nationalarchivs hält, ist daher oft genöthigt, sich auf Schilderungen der Zustände durch Reisende, wie Anne Plumptre, Meissner etc., oder Privataufzeichnungen (bourgeois d'Evreux, Schmidt etc.) zu stützen. In manchen Einzelheiten ist daher noch heute nicht Alles aufgeklärt, die grossen Züge dieser eisernen Zeit, die unter dem Namen des « Schreckensregiments » (la Terreur) in der Erzählung und in der Vorstellung der Menschen eine lange Periode zu sein scheint, während sie in Wirklichkeit 14 Monate dauerte und schon so beinahe die Kräfte einer grossen und aufgeregten Nation überstieg, sind unauslöschlich dem Gedächtnisse der Menschheit eingeprägt und werden sich Die Verfassung des Jahres I, vom 24. Juni 1793, war die theoretische. die Revolutionsregierung (le Gouvernement Révolutionnaire) von 1793/94 hingegen die praktische Verwirklichung der modernen demokratischsozialen Ideen, das einzige geschichtliche Beispiel einer solchen, von dem wir uns eine annähernd vollkommene Vorstellung machen und aus dem wir für unsere Epoche einen annähernd sichern Schluss ableiten können.')

von

kaum mehr jemals verändern. Innen folgen auch wir. Für der
Geschichte weniger kundige Leser wollen wir beifügen, dass sie
näbere Anfschlüsse namentlich in der «histoire de la Terreur »
von Mortimer-Ternaux, den «constitutions de la France >>
Hélie, der « histoire de la Convention et du Directoire » von Thi-
beaudeau, der Geschichte des Revolutionstribunals von Wallon und
dem Eingang der parlamentarischen Geschichte Frankreichs von
Duvergier de Hauranne; von deutschen Werken in Sybel's Ge-
schichte der Revolutionszeit, oder Wachsmuth's Geschichte Frank-
reichs im Revolutionszeitalter finden. Die Eidgenossenschaft besitzt
ein Exemplar der gesammten Verhandlungsprotokolle der gesetz-
gebenden Versammlungen, das eine öftere Benützung verdiente.
Die Schulbücher über die Revolution, Mignet, Michelet, Dahlmann
etc., haben für einen selbstdenkenden Leser nur geringen Werth.
Lehrreicher sind die Memoiren von Carnot, Billaud-Varennes,
Gaudin, Madame Roland, u. A. m.

) Die gesetzgeberischen Hauptakte der französischen Revolution sind folgende: 22. Februar 1787 die Notabeln versam mlung (140 vom König einberufene Personen, fast alle dem Adel und der Geistlichkeit angehörend), welche am 25. Mai ohne Erfolg aufgelöst wurde; 6. November 1788 die zweite, vorübergehende Notabeln versammlung; 5. Mai 1789 die Zusammenkunft der états généraux, die seit 1614 nie mehr einberufen worden waren, 1200 Abgeordnete in drei Stände getheilt (ordonnance royale vom 24. Jan.); 20./23. Juoi der Versuch der Aufhebung derselben, woraus bereits am 17. gl. M. beginnend) die einheitliche Nationalversammlung (Constituante) hervorging, die am 15. Oktober nach Paris übersiedelte und bis zum 30. September 1791 bestand; 26. Angust 1749 die erste Erklärung der « Menschenrechte», 1. Oktober 1789 das Dekret über die Funktionen des Königs und des corps légis

!

Dagegen waren die Perioden vom 5. Mai 1789 bis 2. Juni 1793, sowie die spätere Zeit vom 9. Thermidor 1793 bis zur ersten Consularverfassung vom 22. Frimaire (13. Dezember) 1799, die erstere ein Versuch, die neuen Ideen in den Formen und auf dem Boden der gewöhnlichen Staatsordnung zu verwirklichen (man könnte mit einem bekannten Gleichnisse sagen, den neuen gährenden Most in die alten Schläuche zu füllen), wie er gegenwärtig sich wieder auf der Tagesordnung befindet, die letztere die Rückkehr in diese Staatsordnung, - gewissermassen die Ebbe nach der Flut, unter Zurück

latif; 22. Dezember 1789 das erste Wahlgesetz, 3 /14. September 1791 die erste, constitutionell-monarchische Verfassung. 1. Oktober 1791 der Beginn der gesetzgebenden Versammlung (législative; 10. August 1792 Suspension der königlichen Gewalt, Einsetzung einer provisorischen Regierung, 21. September 1792 Beginn der Republik und des sogenannten Convents (convention nationale) an Stelle der Legislative, welcher die republikanische Verfassung vom 24. Juni 1793 nebst dem Dekret über Volksabstimmung vom 17. Juli gl. J. erliess. Diese Verfassung wurde durch das Dekret vom 19. Vendémiaire II (10. Oktober 1793) suspendirt mit der Erklärung, dass die provisorische Regierung Frankreichs bis zum Frieden eine revolutionäre sein solle. Es folgen dann 14. Frimaire II (4. Dezember 1793) Organisation dieser Revolutionsregierung, 12. Germinal II (1. April 1794) förmliche Aufhebung des conseil exécutif provisoire und Einsetzung von 12 Regierungskommissionen. 27. Juli (9 Thermidor) 1794 Ende der eigentlichen Revolutionsregierung; 5. Fructidor III (22. August 1795) Direktorialverfassung, das Vorbild unserer ersten helvetischen; 18. und 19. Brumaire VIII (9. November 1799) Staatsstreich Napoleon's; 22. Frimaire VIII (13. Dezember 1799) die erste Consularverfassung mit Volksabstimmungsgesetz vom 23. Frimaire; Senatusconsult vom 16. Thermidor (4. August 1802), Ernennung Napoleon's zum lebenslänglichen Consul in Folge einer Volksabstimmung darüber von 3,568,885 Stimmen von 3.577,259 Votanten; Senatusconsult vom 28. Floréal XII (18. Mai 1804). kaiserliche Constitution.

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