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I. Türkisch - öftreichische Friedensschlüsse.
1. Friede zu Carlow iß.

(26. jan. 1699.)

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Der Waffenstilstand, welcher 1664 zu Vasvar zwischen Destreich und der Pforte auf 20 Jahre geschlossen worden war, wurde nicht bis zu dem Ablauf der bestimmten Zeit gehalten. Die Ungarn waren mit demselben unzufrieden, weil er ohne Theilnahme ihrer Stände geschlossen worden war und ihre Grenzen bloß gab. Eine Verschwörung der Ungarn unter Wesseling, die vor dem Ausbruch entdeckt wurde, hatte von Seiten der östreichischen Regierung sehr harte Maßregeln gegen das Volk überhaupt, namentlich einen gewaltsamen Versuch, den Protestantismus im Lande auszurotten, zur Folge; daraus entstand eine Empörung der Ungarn unter dem Grafen Tökel 4. Die Türken, von dem französischen König Ludwig Xiv. angeregt, erklärten den Tökely für ihren Schüßling und erkannten ihn als Lebensfönig von Ungarn an. Der Großwesir Kara Mustapha ersdien (1683) mit einem Heere in Ungarn, schlug das kaiserliche Heer nadı Destreid zurück und erschien am 14. Juli 1683 mit 200,000 Mann und 200 Geschüßen vor Wien. Raiser Leopold I. floh nach Passau. König Ludwig XIV. hatte bereits ein französisches Heer an der Reichsgrenze zusammengezogen, um beim Fall von Wien und der Zertrümmerung der östreichischen Madt seinen Sohn zum römisden König zu machen. Aber Graf Rüdiger von Stahremberg vertheidigte, unterstüßt von den Bürgern und Studirenden Wien's, mit nur 12,000 Mann regulärer Truppen die Stadt auf das Tapferste gegen die türkische, in der Belagerungskunst nur wenig erfahrene Uebermacht. Ein mächtiges Heer von 80,000 Deutschen und 20,000 Polen unter dem Oberbefehl deo polnijden Königs Sobiesty (unter ihm befehligten der Herzog Carl von Lothringen und der Fürst von Waldek) erschien am 12. Sept. 1683 vor der bedrängten Stadt, schlug das Türkenbeer entscheidend und verfolgte dasselbe nach Ungarn. Im folgenden Jahr (1684)

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verband fich auch Venedig mit dem Kaiser und dem König von Polen gegen die Türken; das erste Mal, daß Venedig gegen die Pforte der angreifende Theil war. Die Venetianer kämpften zu Lande und zur See; sie eroberten Theile von Dalmatien und von Morea, durch ihren General v. Königsmark auch Athen. Indessen hielten sich die Türken und Tökely nocy immer hartnädig in Ungarn; bei Mobacz wurden sie jedoch 1687 entscheidend geschlagen, Ungarn wurde für ein bab 8burgides Erbreich erklärt und die Ungarn mußten dieses Erbrecht auf dem Reichstag zu Pregburg (1687) anerkennen. So viel Unglüď der türkischen Waffen rief in Constantinopel eine Empörung hervor. Sultan Muhamed IV. wurde in's Gefängnis geworfen und sein Bruder Solyman III. statt seiner auf den Thron gelegt. Die Türken verstärkten zwar jeßt ihr Heer in Ungarn, aber Kurfürst Mar Emanuel von Bayern erstürmte gleichwohl (6. Sept. 1688) die Festung Belgrad. Ein neuer Großwesir Mustapha Kiuperli (dessen Vater und Bruder schon mit Auszeichnung diese Würde bekleidet) erließ einen Aufruf an alle Muselmänner und focht in Siebenbürgen wieder mit Glüd. Solyman III. starb 1691, Kiuperli fepte den Bruder des Sultan's, Achmed II. auf den Thron, um in seinem Namen zu regieren, zog mit einem großen Heere nach Ungarn, wurde aber bei Salankemen (19. Aug. 1691) von den Destreidhern nnter dem Markgrafen Ludwig von Baden entscheidend gesdylagen und tödtlich verwundet. Wohl wären die Türken jekt zum Frieden geneigt gewesen, aber Ludwig XIV. wußte fie im Felde zu erhalten. Auf Adhmed II., der 1694 starb, folgte der kräftige Sultan Mustapha II.; er stellte sich 1695 wieder selbst an die Spiße der Armee, welche gegen die Destreicher fodt. Peter, der Große, von Rußland war seit 1690 gleichfalls als Feind der Pforte aufgetreten und eroberte 1696 Allow. Mustapha II. kämpfte mit Glüd; der Kurfürst August der Starke von Sadjen, welder das kaiserlidie Heer commandirte, war beständig im Nachtheil. Als aber Prinz Eugen das Commando der östreichischen Armee erhalten hatte, schlug dieser am 11. Sept. 1697 das türkische Heer entscheidend bei Zenta an der Theiß, worauf der neu ernannte Großwesir Kiuperli Hussein, ein alter Mann, sowie der Sultan selbst, das Anerbieten des englischen Gesandten Paget, den Frieden zu vermitteln, nach einigem Widerstreben annahmen.

Die Türkei war müde, Destreich wünschte den Frieden wegen seiner Absichten auf Spanien, weniger geneigt für denselben waren Polen und Rußland; Venedig hatte in der legten Zeit den Krieg nur noch lässig geführt. Der kaiserliche Hof sølug Wien oder Debreczin zum Orte der Friedensverhandlungen vor, die Türken bestanden aber auf einem Plaß am rechten Donauufer, und so wurde endlich Carlowiß (an der Donau im heutigen peterwardeiner Regimentsbezirk der slavonischen Militärgrenze) gewählt. Der englische Gesandte Lord Paget und der bolländische Colliere machten die Vermittler. Um die Streitigkeiten wegen des Vortrittes zu umgeben, baute man für die Sißungen ein eigenes Haus mit vier Thüren, zu denen auf ein gegebenes Zeichen die verschiedenen Gesandten zu gleicher Zeit eintraten. Zuerst verhandelten Destreid und die Pforte; die Bevollmächtigten Destreidy's waren der Graf Wolfgang von Dettingen und der Graf Leopold von Solid h, die der Pforte der Reis - Effendi Rami und Alerander Maurocordato. Anfangs (7. Nov. 1698) verlangten die Türken, daß Siebenbürgen einen eigenen Fürsten unter türkisder Oberhobeit bebalte; fie verzichteten aber bald auf diese Forderung, auch Ungarn erhielt der Kaiser, mit Aussdhluß des Banats, die Maros sollte die Grenze bis zu ihrer Ein= mündung in die Theiß machen. Destreich wollte die Verhandlungen nicht beginnen, bis die Auslieferung Tötely's zugesagt sei; allein die Türken gingen auf diesen Punkt nicht ein, sie erklärten, Tökel y sei zwar ein Hund, der sich auf Befehl des Sultan's legen oder bellen müsse, aber er sei des Sultan's Hund, der auf seinen Befehl auch beißen könne. Töfely wurde nach Kleinasien gewiesen, wo er starb. Die Dauer des Friedens wurde auf 25 Jahre festgelegt. Nadidem Destreich seine Verhandlungen beendigt, trat es für die übrigen Mächte vermittelnd auf. Die Polen erhielten Raminieß zurück, die Türken verzichteten auf ihre Ansprüche auf die Ukraine und Podolien, dagegen gab Polen an die Türkei einige Pläße in der Moldau zurüc. Gegen Venedig zeigte sich die Pforte minder nadygiebig. Nach längeren Verhandlungen kam man überein, daß Venedig die Halbinsel Morea, St. Maura und Engina behalte, aber Lepanto, Prevesa und Romania berausgebe. Rußland lehnte jede Vermittlung ab und schloß zu Carlowiß nur einen Waffenstilstand auf zwei Jahre, nach welchem es das eroberte Allow behielt (dieser Waffenstilstand wurde am 13. Juli 1700 in einen dreißigjährigen Frieden umgewandelt). Nadidem sämmtliche Verhandlungen 72 Tage gedauert hatten, wurde der Friede am 26. Jan. 1699 allseitig unterzeichnet. Der Friede von Carlow iß findet sich abgedruckt bei Lünig, teutides Reichsarchiv Band V. (d. i. pars specialis continuatio 1–4, pag. 172), bei Dümont T. VII. P. II. p. 448, bei Christ, Ruhe des jeßt lebenden Europa Band II. p. 1127, bei: Neue ottom. Pforte, Augsb. 1700, Band II. p. 819. – Wir geben hier nur das Friedensinstrument zwifchen Destreid und der Pforte.

2. friede zu Passar ow i ß.

(21. Juli 1718.)

Die im carlowißer Frieden bestimmten 25 Friedensjahre waren noch nicht abgelaufen, als der Sultan A dy med III., um Morea wieder in seinen Besiß zu bekommen, mit den Venetianern einen neuen Krieg begann (1715) und in kurzer Zeit auch Morea und Candia eroberte. Venedig suchte Hülfe bei Destreid), das den carlowißer Frieden garantirt hatte. Prinz Eugen von Savoyen zog mit einem ftarken östreichischen

Heere gegen die Türken und schlug fie in zwei großen Schlachten, bet Peterwardein (5. Aug. 1716) und bei Belgrad (16. Aug. 1717). Nach diesen großen Verlusten erklärten fie fich im September 1717 zum Absdluß eines Friedens geneigt. Prinz Eugen erhielt Vollmacht, auf Grund des gegenwärtigen Besibstandes die Verhandlungen zu beginnen; dieselben hatten aber anfangs keinen Fortgang, da der französische Gesandte den Sultan zur Fortsegung des Krieges zu bestimmen sudyte. Endlid drang der Mufti mit den Ulema's, welche den Frieden wünschten und von dem englischen Gesandten unterstüßt wurden, durd; man beschloß, die Verhandlungen ernstlich zur Hand zu nehmen. Zum Congresort wurde Passarowiß, ein serbisdes Städtchen am Einfluß der Morawa in die Donau, bestimmt. Destreich hatte im Laufe des Krieges Temeswar und fast ganz Serbien erobert; wenn es daher als Basis des Friedens den gegenwärtigen Besibstand aufstellte, so war es allerdings im Vortheil. Anders verhielt es sich mit den Venetianern; fie hatten Morea berloren, die Türken ihrerseits nahmen die vorgeschlagene Basis an, da sie ihnen Morea überließ, wenn sie fich auch im Norden des Reiches zu bedeutenden Abtretungen an die Destreicher versteben mußten. Die beiden venetianischen Gesandten verhandelten lange mit dem Prinzen Eugen über diese für sie so unbillige Basis, die ja gerade Das den Türken übergab, um dessen Rettung sie den östreichischen Beistand angerufen hatten. Vergebens! Die kaiserlichen Bevollmächtigten erklärten ihnen, daß Venedig auch noch das von den Türken belagerte Gorfu verloren haben würde, wenn die Destreicher nicht die Súlacht bei Peterwardein gewonnen hätten; das erhaltene Corfu müsse für das verlorene Morea entschädigen. Die Venetianer verloren also in diesem, unter englischer und holländischer Vermittlung am 21. Juli 1718 zu Bajjarow it abgeschlossenen Frieden die Halbinsel Morea und behielten blos einige eroberte Pläße in Dalmatien und Albanien; für Destreich dagegen war dieser Frieden der glänzendste, den es jemals mit der Türkei geschlossen. Es behielt fünf Districte der kleinen Waladei, den ganzen Banat, einen Theil von Serbien mit Belgrad, bis an die Dorava und Drina; auf dem rechten Ufer der Unna Jassenovik, Dubicza, Alt- und Neu - Novi; ja es würde noch mehr erreicht haben, wenn der ausgebrochene spanische Krieg nicht zum Frieden gedrängt und die Türken ermuthigt hätte. Zu gleicher Zeit bradyte der ehemalige faiserliche Resident am türkischen Hofe, Fleisd mann, zu Pasiarow iß mit der Pforte einen Handelstractat zu Stande. Nad) demselben genießen die östreichijden Unterthanen in der Türkei Freiheit des Handels; die östreichische Regierung hat das Recht, im türkischen Reiche Consuln und Agenten anzustellen, die persischen Raufleute können, gegen eine Abgabe von 5 Procent, durch die türkischen Staaten nach den östreichischen Handel treiben; türkische Juden dürfen fich nicht ohne Aufforderung in die Handelsgeschäfte der Destreicher als Sensale einbrängen u. f. f. Der Frieden von Passaro wiß findet sich abgedrudt bei Lünig, teutsches

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Reichsarchis, partis generalis continuatio II, bei Christ, Ruhe des jeßt lebenden Europa II. Vand, bei Dumont T. VIII. P. 1., im großen Universallericon von Zedler, Lp3g. und Halle 1732, unter Passarowiß, und anderwärts.

3. Friede zu Belgrad.

(18. Sept. 1739.)

Die Russen waren ohne Kriegserklärung in das türkische Gebiet eingefallen und hatten Assow genommen. Vergeblich suchte die Pforte durch die Vermittlung England's und Holland's zu ihrem Rechte zu gelangen; Rußland antwortete auf den Versuch dieser Mächte, die Sade friedlich beizulegen, durch eine förmlide Erklärung des Krieges (26. Juli 1736). Dem östreichischen Unternuntius übergab der Großwesir ein Schreiben an den Hoftriegsrathspräsidenten Grafen Königsegg, worin er auseinander septe, daß Rußland ohne alle Ursache den Krieg begonnen habe. In der Antwort auf dieses Sdreiben (Januar 1737) trug Destreich der Pforte die Besdwerde Rußland's vor, erklärte sich als Verbündeten dieser Macht und erbot fid zur Vermittlung. Die Pforte nahm diese Vermittlung an, bestand aber auf der Räumung Affow's. reich jedoch ging auf diese Räumung nicht ein, erklärte vielmehr, daß es für seinen Verbündeten die Waffen ergreifen müsse, wenn man ihm Assow nicht überlasse, septe den leßten Termin auf den 1. Mai 1737 und begann fobann den Krieg, in der Hoffnung, feine Grenzen ansehnlid zu erweitern und so einen Ersaß für seinen Verlust von Neapel und Sicilien zu erhalten. Allein diese Hoffnung schlug fehl; Destreich war sehr unvollständig gerüstet, es mangelte an Allem. Sedendorf (früber östreichischer Gesandter am preußischen Hofe, der sich bereits auf einem seiner Güter in Sadsen zur Ruhe geseßt hatte) wollte das angebotene Com= mando gar nid)t übernehmen, als er sich von den äußerst mangelhaften Vorbereitungen überzeugt hatte. Der Feldzug nahm allerdings einen äußerst vortheilhaften Anfang (12. Juli 1737), aber der Verlauf svlug völlig zum Nachtheil der Destreider aus. Man schrieb das Unglüd der östreichischen Waffen in Wien einem „üblen Willen“ Sedendorf's zu (der General wurde verhaftet und starb als Gefangener), segte den Grafen Königsegg an seine Stelle; aber audy dieser, der jeßt einen zweiten Feldzug begann, war gegen die Türken überall im Nachtheil. Königs: egg wurde abgerufen; auch der Herzog Franz von Lothringen (Gemahl der Maria Theresia) verließ jeßt die Armee, und Graf Wallis erhielt für den dritten Feldzug (1739) den Oberbefehl. Er wurde bei Kropka an der Donau von den Türken entscheidend geschlagen (23. Juli 1739). Nun suchten die Destreider einen billigen Frieden zu erhalten; die Grafen Wallis und Neipperg begannen die Verhandlungen, der französische Gesandte Villeneuve vermittelte. Die Türken bestanden

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