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nun auch zwischen Rußland einerseits und Großbritannien und Frankreich andererseits eintrete. Diese Veränderung in der Haltung zweier bei der wiener Conferenz vertretenen Mächte idließe, nach der Anficht der Repräsentanten von Destreid und Preußen, die Nothwendigkeit in fich, eine neue Erklärung über die Einigkeit der vier Mächte auf der Basis der in den Protokollen vom 5. Dez. 1853 und 13. Jan. 1854 aufgestellten Grundfäße, abzugeben. In Folge dessen erklärten die Unterzeichneten in diesem feierlichen Augenblide, daß ihre Regierungen geeinigt bleiben in dem doppelten Zwec, die Territorialunabhängigkeit der Türkei aufrecht zu erhalten, als für welche die factische Räumung der Donaufürstenthümer eine der wesentlichsten Bedingungen set und bleiben werde, und zweitens, zugleich dem Interesse und den Gesinnungen des Sultans gemäß, durch jedes mit seiner Unabhängigkeit und Souveränetät vereinbare Mittel die bürgerlichen und religiösen Rechte der christlichen Unterthanen der Pforte zu sichern. Die Territorialunabhängigkeit des osmanischen Reiches bleibe die sine qua non Bedingung jeder Verhandlung, welche die Wiederherstellung des Friedens unter den kriegführenden Theilen zum Ziele habe a. Unterzeichnet von Buol-Scauenstein, Bourqueney, Westmoreland, Arnim. Am 20. April 1854 sbloßen Destreid und Preußen ein Schußund Trußbündniß, dessen Bestimmungen fich in folgende drei Hauptpuncte zusammenfassen lassen. 1) Destreich und Preußen garantiren sich gegenseitig ihren deutschen und außerdeutschen Länderbefiß; jede Berleßung des Gebietes des anderen Theiles wird einem Angriff auf eigenes Gebiet gleich geachtet. 2) Destreich und Preußen verpflichten sich zu gegenseitiger, nöthigenfalls aggressiver Unterstüßung, sobald der eine oder andere Theil deutsche Interessen gefährdet glaubt. Bestimmte Fälle, wo diese Unterstüßung erfolgen muß, find in einer besonderen Vereinbarung aufgezählt. Sämmtliche deutsche Bundesgenossen werden aufgefordert, diesem die deutschen Interessen wahrenden Vertrage beizutreten. Dem Vertrag war eine Militärconvention angeschlossen, nach welcher fich Destreich, außer den bereits zusammengezogenen 150,000 Mann, zu einer weiteren Aufstellung von 100,000 Mann, so wie es nöthig werden sollte, verpflichtet, Preußen aber zu einer Aufstellung von 100,000 Mann binnen 36 Tagen, nachdem es verlangt worden ist, denen nöthigenfalls noch weitere 100,000 Mann beigefügt werden sollen. Der Zwed der Unterstüßung, welche fich die beiden Mächte auf diese Weise gewähren, foll aber bloß die 3 urüdweisung eines Angriffes sein. Am 12. Juni 1854 batte der König von Preußen eine Zusammenkunft mit dem Kaiser von Destreich in Deschen;. dody fam, troß dieser anscheinenden Einigkeit des östreichidhen und preußischen Cabinets, keine so feste Verbindung zwischen den beiden Regterungen zu Stande, daß Deutschland auf ein gemeinsames Vorgehen der beiden deutschen Großmächte hätte rechnen dürfen. Destreid freilich war bei der Lösung der türkischen Frage weit näher betheiligt, als Preußen, ja wohl auch näher als Frantreich

und England; es war zur Einsicht gekommen, daß es einen großen Fehler gemacht hatte, indem es bisher, zwar mit innerer Unzufriedenheit, aber ohne energische Protestation, zugesehen, wie Rußland nicht blos bis an das sdwarze Meer, sondern auch westwärts bis an die Donau vorrücte und zuleßt die Hauptmündung des Donaustroms, welcher einen der wesentligsten Lebensnerven der östreichischen Monarchie bildet, völlig in Besit nahm. Der Moment war da, welcher eine Gelegenheit bot, das Verfäumte wieder gut zu machen; Destreichbegriff diese seine Aufgabe; fie war nur durch ein näheres Ansdließen an die Westmächte zu erreichen. Preußen dagegen war vermöge seiner Lage an der Ostsee am wenigsten bei diesen orientalischen Verwidelungen interessirt; die Frage mochte sich so oder anders entsdeiden, so konnte es wenig Vortheil daraus hoffen; auch war sein Königshaus durch Verwandtschaft mit dem russischen Hofe nahe verbunden: es zeigte daher wenig Neigung, sich an ernsteren Schritten gegen Rußland zu betheiligen. Eine Einigung der beiden Großmächte auf einem deutschen Standpunkt konnte, nach der alten Rivalität zwischen Preußen und Destreich, kaum erwartet werden. Das deutide Interesse aber hätte ein entschiedenes Vorgehen zur Gewinnung oder wenigstens völligen Befreiung der Donaumündungen verlangt, da die Donau der einzige deutsche Strom ist, der nach Süden mündet, und die Mission Deutschland's vor Allem nad dem Osten bestimmt scheint. Nach Westen hin hat England, nach Süden Frankreich seine Macht bereits zur Geltung gebracht; darum wird Deutschland, an der Grenze des Orients, mit gutem Rechte seine Augen auf die Levante richten, um dorthin seiner Industrie und seiner übergroßen Bevölkerung Wege zu eröffnen; Kleinasien mit seinem fruchtbaren, menschenleeren Boden würde für die deutsche Auswanderung ein sehr nupbringendes Ziel sein. Desta reich schloß am 14. Juni 1854 einen Vertrag mit der Pforte, in welchem es fich verpflichtete, alle Mittel zur Räumung der Donaufürstenthümer von der russischen Armee, im Nothfall selbst Gewalt der Waffen anzuwenden (Art. 1.); die Leitung dieser Operation solle jedoch bloß dem östreichischen Generalissimus, unter Benachrichtigung des türki= schen, zustehen (Art. 2.); die gesegliche Ordnung in den Fürstenthümern unter Aufrechthaltung der Privilegien folle wiederhergestellt werden (Art. 3); der östreichische Hof verpflichtet sich, mit dem rusliiden keinerlei Vergleichungsplan einzugehen, der nicht die Integrität des türkischen Reiches zum Ausgangspunkt hätte (Art. 4.), und seine Truppen fdleunigst zu= rückzuziehen, sowie der Zwed erreicht set. Nun erlief Destreid nod eine sogenannte Sommation an Rußland, die von Preußen unterstüßt wurde. Dieser Sommation, welche als Hauptpunkt die sofortige und vollständige Räumung der Fürstenthümer verlangte, wurde vom wiener Cabinet das Protocod der wiener Conferenz vom 9. April 1854 beigelegt. Am 15: Juni 1854 antwortete das rufiifche Cabinet in einer Note des Grafen Nesselrode an den Fürsten Gortshakoff, russischen Gesandten in Wien. Rußland erklärt in dieser Note, Destreich

bezeichne mit Unrecht die ruffische Beseßung der Donaufürstenthümer als Hauptursache des Krieges, möchte wohl auch nicht verbürgen können, daß der Krieg aufhören werde, wenn Rußland die Fürstenthümer räume. Die Benachtheiligung der östreichischen und deutschen Handelsinteressen, von welcher Destreidh spreche, werde durch die Seeoperationen der Westmächte in weit höherem Grabe herbeigeführt, als durch das Verhalten Rußland’s. Die östreichische Regierung möge fich daher vor Allem über die Sicherheitsbürgschaften erklären, die sie dem russischen Cabinet geben könne, dann wäre Rußland geneigt, um den Interessen Deutscland's entgegenzukommen, über eine Bestimmung des Zeitpunktes der Räumung in Unterhandlung zu treten. Der Kaiser von Rußland wolle noch immer den Frieden; er wolle fich weder bleibend in den Donaufürstenthümern befestigen, noch fie seinen Staaten einverletben; am wenigsten denke er daran, bas ottomanische Reich zu stürzen, unterschreibe vielmehr die im Protocoll vom 9. April 1854 niedergelegten drei Principien, nämlich die Integrität der Türtet, wenn fie von den Westmächten, die jeßt die türkischen Gewässer inne hätten, gleichfalls respectirt werde, Räumung der Fürstenthümer, wenn die nothwendigen Sicherheiten gegeben würden, Befestigung der Rechte der Christen in der Türkei, wobei jedoch die alten Vorrechte der griechischen Confession aufrecht erhalten werden müßten. Das russische Cabinet glaube, daß man jeßt, nachdem es diese Grundlagen eingegangen, zum Frieden gelangen oder doch wenigstens Waffenstilstand schließen und Friedensunterhandlungen anbahnen könne.

Diese Note wurde vom Östreichischen (22. Juli 1854) und preußifchen (24. Juli 1854) Cabinet den Regierungen von Frankreich und England mitgetheilt und zugleich die Anfrage gestellt, in wie weit die Westmächte diese Antwort für geeignet zu weiteren Verhandlungen hielten. Preußen knüpfte hieran noch den Wunsch, die westlichen Cabinete möchten fich über die Bedingungen äußern, von denen sie den Frieden abhängig machten. Die Antwort der Westmächte erfolgte in einer Note des franzöfischen Ministers des Aeußern Drouyn de l'huys an den Baron v. Bourqueney, franzöfischen Gesandten in Wien, unterm 22. Juli 1854, und zwar schon bevor der Minister die Mittheilungen der Cabinete von Wien und Berlin erhalten hatte, in Folge einer telegraphischen Depesche des franzöfischen Gesandten in Wien, worin der Inhalt obiger russischen Note mitgetheilt worden war. Der Minister sagt, er braude die Mittheilung der angekündigten Noten für seine Antwort nicht zu erwarten; er habe schon seit mehreren Tagen das Dokument in Händen, das der General Iffatoff auch allen Regterungen mitgetheilt habe, die fich bei der bamberger Conferenz betheiligt hätten. Im Eingang verwahrt er sich vor dem Vorwurf Rußland's, daß die Westmädte die Veranlassung zum Kriege gegeben hätten; Rußland allein habe die Krise hervorgerufen; Frankreich und England hätten vergeblich ein ganzes Jahr hindurch Warnungen in allen Formen an das petersburger Cabinet ergeben

lassen. Der in der russischen Note erklärte Beitritt zu den Bestimmungen des Protocolls vom 9. April sei nur scheinbar. Vom Uebergang der Russen über den Pruth stamme bie störende Krise der Weltruhe, die Dccupation der Fürstenthümer sei eine schneidende Verleßung des europäischen Rechts: in der Note werbe aber über den Zeitpunct der Räumung der Fürstenthümer nichts Bestimmtes festgeseßt. Die Aufrechthaltung der Integrität des türkischen Reiches werde an die Bedingung eines Verlassens der türkischen Gewässer von Seiten der vereinigten Flotten geknüpft; die Westmächte aber seien nicht der angreifende Theil, wie Rußland, ihre Flotten vielmehr von der Pforte zum Schuße des türkischen Reiches her: beigerufen worden. Der Paragraph, welcher die Stellung der driftlidhen Unterthanen im türkischen Reiche betreffe, bedeute, wenn sich der Minister nicht sehr täusche, daß das petersburger Cabinet unter die alten Vorrechte, welde die Grieden des orientalischen Ritus behalten sollen, alle sowohl bürgerlichen als religiösen Consequenzen des Protectorats rechne, das der Kaiser von Rußland über die griechischen Christen in der Türkei in Anspruch genommen. Wenn nun gewünscht werde, daß fich die westlichen Cabinete über die Bedingungen aussprächen, an welche fie den Frieben knüpften, so hingen diese im Einzelnen von zu mancherlei Eventualitäten ab, als daß man sie so genau bestimmen könnte; im Augemeinen aber möchten sich die wesentlichsten Forderungen in folgende vier Puncte zusammenfassen lassen. 1) Das von Rußland über die Dona ufürstenthümer geführte Protecto rat muß aufhören und die Vertretung der Rechte der dortigen Bevölkerung gegen die Pforte, nämlich die Aufrechthaltung der ertheilten Privilegien, unter die Collectiva bürgschaft der Großmächte gestellt werden. 2) Die Donauschifffahrt muß bis an die Mündung von allen Hindernissen befreit und auf den Donaustrom sollen in Zukunft die nämlichen Bestimmungen angewandt werden, welche in der wiener Congreßacte bezüglich der Beschiffung der Ströme ausgesprochen sind. 3) Der Vertrag der Mächte mit der Pforte vom 13. Juli 1841, das Einlaufen fremder Kriegsdiffe in die Dardanellen betreffend, soll von den contrahirendon Sheilen im Interesse des europäischen Gleichgewichts und im Sinn einer Beschränkung der russischen Macht im schwarzen Meere revidirt werden. 4) Keine Macht soll das Recht haben, ein officielles Protectorat über die Unterthanen der Pforte auszuüben, zu welchem Bekenntniß fie auch gehören, vielmehr mögen sich die Großmächte gegenseitig Belstand leisten, um von der ottomannischen Regierung die Bestätigung und Beobachtung der religiösen Privilegien der versdiedenen dristlichen Genossenschaften zu erlangen und im wechselseitigen Interesse ihrer Glaubensgenossen die von dem Sultan kundgegebenen hocherzigen Absichten nupbringend zu machen, ohne daß für die Würde und Unabhängigkeit der Pforte irgend eine Beeinträchtigung daraus entstehe.

Der englische Minister des Aeußern, Lorb Clarendon gab unter demselben Datum (22. Juli 1854) in einer Note eine mit Obigem völlig

übereinstimmende Erklärung der Forderungen der Westmächte.

„Die Garantien, welche man forderee," sagte er, seien durch die Gefahren hervorgerufen, denen man begegnen wolle. Rußland habe das durch Vertrag erworbene Recht, die Beziehungen der Moldau und Walachei zu der Pforte zu überwachen, dazu benübt, in diese Provinzen einzurüden, als wären sie ein Theil seines eigenen Ländergebietes. Durch seine bevorrechtigte Grenze am schwarzen Meer sei Rußland in den Stand geseßt worden, in genanntem Meere eine Seemacht zu errichten, die, bei dem Mangel jeder das Gegengewicht haltenden Streitkraft, eine stehende Drobung gegen das osmanische Reich bilde. Der unbeschränkte Befiß der Hauptbonaumündung durch Rußland habe der Schifffahrt auf diesem großen Strome Schwierigkeiten geschaffen, welche den allgemeinen Handel Europa's ernstlich berühren. Endlich seien die Bestimmungen des Vertrags von Kudschuk - Kainardschi über den Scuß der dhristlichen Unterthanen durch eine ungerechte Auslegung die Hauptveranlassung des gegenwärtigen Kampfes geworden.“ Dagegen äußerte sich der russische Minister Graf Nejjelrode in einer Depesche vom 16: August an den russischen Gesandten Gortfchakoff in Wien über die verlangten Garantien dahin, daß diese Bedingungen, wenn sie bleiben sollten, wie sie jeßt vorgelegt sind, Rußland als bereits geschwächt durch die Erschöpfung eines langen Krieges vorausseßen, was feineswegs der Fall sei, daß fie audy, sollte Rußland je durch die Gewalt vorübergehender Umstände gezwungen werden, sich ihnen zu unterwerfen, feinen bauerhaften Frieden sicherten, vielmehr nur einen Frieden, welcher endlosen Verwidlungen ausgefeßt sein würde. Der Kaiser sei zwar den im wiener Protocoll ausgesprochenen Grundsäßen beigetreten, nicht aber indem er ihnen einen Sinn beilegte, wie er hier beansprucht werde.

Die Russen hatten unterdessen gegen die Türken im Felde gar keine Vortheile erringen können. Am 6. Jan. 1854 nahmen die Türken die befestigte russische Stellung bei Cetate; die Russen dagegen bemühten sich mit 100,000 Mann vergeblidy, die Festung Silistria zu erobern, und hoben die Belagerung am 16. Juni 1854 auf. Um keine sofortige Kriegserklärung Destreich's zu veranlassen, hielt es Rußland für räthlid, die Fürstenthümer zu räumen. Der Rüdzug der Kussen unter General Gortsdatoff begann Ende Juli 1854; am 1. Aug. verließen fie Butas reicht, am 7. Sept. 3 aliy und zogen sich hinter den Pruth zurüd; am 16. Sept. 1854 war die Moldau von den Russen vollständig geräumt. Die Türken unter Omer Pascha beseßten Bukarest am 8. August, überließen aber die Behauptung der Fürstenthümer schon nach wenigen Wochen der unter General Coronini eingerüdten östreichischen Armee, welcher der Feldzeugmeister v. Heß als Obercommandant folgte. Am 20. Sept. begannen die Türken, im Ganzen 40 bis 50,000 Mann, ihren Rüdmarsch aus den Fürstenthümern nad der Meerestüste, um die Russen jenseit des Pruth, in Bessarabien, anzugreifen; fafiy wurde am 2. Oct. von den D estreichern befeßt. Die Alliirten hatten eine

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