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ERNST ROBERT CURTIUS

BALZAC

1923
VERLAG VON FRIEDRICH COHEN · BONN

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„WER kann sich schmeicheln, jemals verstanden zu werden? Wir sterben alle, ohne erkannt zu sein.“ Dieses Wort, dås Balzac einmal wie beiläufig ausspricht, kann ein Wegweiser für alle diejenigen sein, die in den Mittelpunkt seines Werks und seiner Seele eindringen wollen. Balzac fühlte in sich etwas, was keiner verstand und keiner erkannte. Aller Ruhm und alle Liebe, die ihm zuteil wurden, konnten daran nichts ändern. In ihm war ein Geheimnis, das er mit sich ins Grab nehmen würde. „Die modernen Mythen werden noch weniger verstanden als die alten Mythen“, sagt er anderswo von seinem Werk. Auch diese Worte, obwohl sie sich nicht auf die tiefste Schichtseines Wesens beziehen, kommen aus dem gleichen Bewußtsein des Geheimnisses.

In seinen Briefen finden wir es wieder. Auf der Schwelle zwischen Jugend und Mannesalter – 1828 – bekennt er: „Ich bin alt an Leiden, und Sie würden nach meinem frohen Gesicht mein Alter nie erraten haben. Ich habe nicht etwa Schicksalsschläge zu erdulden gehabt, sondern ich bin immer von einer furchtbaren Last niedergebeugt gewesen. Das kann Ihnen als Übertreibung erscheinen,

als eine Art, Ihr Interesse auf mich zu ziehen; nein, denn nichts kann Ihnen einen Begriff von meinem Leben bis zu zweiundzwanzig Jahren geben. Ich bin ganz erstaunt, daß ich jetzt nur noch mit dem Schicksal zu kämpfen habe. Wenn Sie meine ganze Umgebung befragten, würden Sie doch keinerlei Licht über die Natur meines Unglücks erhalten. Es gibt Leute, die sterben, ohne daß der Arzt hat sagen können, was für eine Krankheit sie hingerafft hat.“

Neun Jahre später schreibt Balzac an Frau von Hanska: „Ich bin unerklärlich für alle, keiner kennt das Geheimnis meines Lebens, und ich will es keinem preisgeben“; und an dieselbe nach weiteren sechs Jahren: ,,Seitdem ich existiere, ist mein Leben beherrscht vom Herzen, und das ist ein Geheimnis, das ich sorgfältig verberge; ich habe selbst dir nicht alles gezeigt, dir, der Vielgeliebten und der Einziggeliebten.“ Dieser Satz selbst enthält für den Kenner der Balzacschen Sprąche mehr als darin gesagt scheint. Das wird an anderer Stelle zu berühren sein. Halten wir vorläufig nur fest, daß Balzac noch mit vierundvierzig Jahren dem nächsten Menschen, der Geliebten, ausspricht, er trage seit seiner Geburt ein Geheimnis mit sich, das er auch ihr nicht ganz enthüllen könne.

Das Motiv des Geheimnisses zieht sich durch Balzacs ganzen Lebensgang. Wenn man es fassen will, muß man es an der Wurzel dieses Lebens erfassen in der Kindheit. In der Kindheit des Genius liegt sein eigentliches Geheimnis, denn hier ist sein Wesen noch ganz in sich gesammelt, unbeeinflußt von den Kräften der Geschichte, noch nicht differenziert durch das Denken und die Tat.

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