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da der Grossvezier, wie er nur seinen Gastfreund erkennt, ihn vom Galgen rettet und ihm die cedirte Frau zurückgibt, welche ihre Verschenkung nicht so gut ertrug wie Sophronia und den Grossvezier über die Grösse des Opfers aufklärte, das ihr Mann ihm gebracht hatte.

Die hebräische Erzählung im Buche Henoch beruht, wie bereits oben gesagt wurde, auf der Disciplina clericalis und ist mit der vom „halben Freunde" verbunden, welche sich ebenfalls bei Petrus Alphonsus findet.

Unsere Erzählung wurde auch mit dem wegen seiner Gastfreundschaft im Orient weitberühmten Chatem Tai, von dem bereits oben (zu Nov. X. 3) die Rede war, in Verbindung gebracht. So wird in Kurdistan erzählt:

Abu Sêd, Häuptling der Hillal, zog zu Hêtim et Tai, dem Häuptling der Tai, als Derwisch verkleidet und verlangte dessen Frau. Hêtim gab sie ihm und Abu Sêd zog mit ihr fort, legte aber in der Nacht sein Schwert zwischen sich und der Frau. Einige Zeit später gab er sie, vorgebend sie wäre seine Schwester, dem Hetim zur Frau, der sie anfangs gar nicht wiedererkannte. ')

In einem indischen Volksmärchen wird erzählt, wie hart ein Radscha gestraft wurde, weil er den in der Gestalt eines Fakir zu ihm gekommenen und die Abtretung der Frau verlangenden Gotte mit Prügeln anstatt mit der Frau bewirthete. 2)

Auch in der alten römischen Literatur finden wir Beispiele von treuer aufopferungsvoller Freundschaft und von Abtretung der Frau, aber ohne Verbindung dieser zwei Motive mit einander. Nur Cato soll, wie Plutarch erzählt, seine Marcia dem Hortensius aus Freundschaft abgetreten haben.

Die Aufopferung eines Freundes für den andern wird auch von Valerius Maximus, Cicero und Hyginus erzählt. Ersterer erzählt (Lib. IV. cap. 7 De amicitiae vinculo) ganz kurz die

1) Prym und Socin, Syrische Märchen Nr. 7. Theil II. S. 24.
2) Radja Harichands punishment, bei M. Stokes N. 29 $. 224,

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bekannte Anekdote von Damon und Phintias und noch kürzer ist die Erzählung bei Cicero. (De officiis lib. III. 10. 45, Tuscul. V. 22. 63.) Viel ausführlicher ist Hyginus (Fabularum liber cap. 257), dessen Erzählung von Moerus und seinen Selinuntiner Freunde die Quelle von Schillers Bürgschaft ist, welche in einer ältern Lesart den Namen Moeros statt Damon hatte.

In den dem Quintilian zugeschriebenen Declamationes, einer Sammlung von Advokatenreden zu fingirten Rechtsfällen, welche vorzüglich Fälle von Ehebruch, Vergiftung, Nothzucht, Erbschaftsstreitigkeiten, Kinderaussetzungen, Adoptirungen, Verstossungen, Gefangenschaft bei Piraten und Tyrannenmord betreffen, 1) finden wir auch einige Fälle, welche zu unserer Novelle einige Beziehung haben. Die neunte Declamatio „Gladiator" handelt von zwei Jugendfreunden, deren einer von Piraten gefangen und an einen Gladiatorenführer (lanista) verkauft wurde. Der Andere zieht aus um ihn zu befreien, tritt für ihn im Kampfe ein und wird im Amphitheater getödtet.

Die sechzehnte Declamatio „Amici vades" ist der Erzählung von Damon und Phintias ähnlich, aber die zärtliche Mutter lässt den auf Bürgschaft des Freundes entlassenen zum Tode verurtheilten Sohn nicht zum Tyrannen zurückkehreń.

Die 291ste Declamatio und die ihr ähnliche 46ste des Calpurnius, handeln von einem Sohne, der auf Bitten des Vaters dem Bruder seine Frau abtrat, in die dieser sich verliebt hatte. Nach der Abtretung pflog aber die Frau verbotenen Umgang mit ihrem ersten Manne, ward vom zweiten ertappt und getödtet.

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Der englische Dichter Goldsmith hat in der „Biene" (Works, Paris 1825 IV. 99) unter dem Titel The story of Al

1) M. Fabii Quinctiliani ut ferunt Declamationes XIX majores et quae ex CCCLXXXVIII supersunt CXLV minores et Calpurnii Flacci Declamationes ed. Petrus Burmann. Lugd, Batav. MDDCXX (sic, wohl 1720.)

cander and Septimus die Geschichte von den zwei Freunden, allem Anscheine nach, nach Petrus Alphonsus und Boccaccio erzählt, nennt aber a byzantine historian als seine Quelle. Diese hat sich zwar bis jetzt nicht gefunden, aber auch Rhode meint (S. 541 n. 2), dass Boccaccio zu seiner Novelle vielleicht ein mittelgriechisches Gedicht benutzt hat.

Die in zahlreichen Bearbeitungen verbreitete Erzählung von den zwei Freunden Amicus und Amelius hängt mit der Novelle dadurch zusammen, dass ein Freund dem andern die Frau anvertraut, während sie bei Boccaccio ganz abgetreten wird. 1)

§ 9. Die Einwirkungen des Ritterthums und der Kriege mit den Mauren zeigen sich viel deutlicher als in der Disciplina in dem ebenfalls aus spanischem Boden entsprossenen, aber um ungefähr zwei Jahrhunderte jüngern Conde Lucanor, dessen Verfasser ein Enkel des heiligen Ferdinand und Neffe Alphons des Weisen von Castilien, sich Juan Sohn des Infanten Manuel und Statthalter von Murcia nennt. Er wurde 1282 geboren und starb 1347.

Obwohl Boccaccio dem Conde Lucanor nichts zu verdanken hat, will ich hier doch einiges von diesem nur wenig gekannten und seltenen Werkchen sagen, weil es ein interessanter Repräsentant der frühesten spanischen Novellistik ist.

Die Rahmenerzählung des Conde Lucanor ist sehr einfach: Ein Graf Lucanor hat einen sehr weisen Rath mit Namen Patronio, bei dem er sich immer Raths erholt, wenn er über das was er thun soll in Zweifel ist. Patronio aber begnügt sich nie einen blossen Rath zu geben, sondern erzählt immer

1) Vergl. hierüber sowie über Verwandtes und jüngere Bearbeitungen: Keller S. CCXXXIV, Schmidt zur Disciplina S. 98-100, Gubernatis zoological Mythology I. S. 303, 315, 328-9, Oesterley zu 108 der Gesta Romanorum S. 729.

früher eine Anekdote oder Erzählung, die mit dem vorliegenden Falle Aehnlichkeit hat, und zeigt dem Grafen, wie er das gegebene Beispiel benutzen soll. Der Graf befolgt gewöhnlich den Rath des weisen Patronio und befindet sich wohl dabei.

Am Schlusse jeder Erzählung wird ihre Moral in einem Distichon gegeben, dem gewöhnlich die Worte vorausgehen: „Und da der Herr Johann sah, dass dieses Beispiel gut war, liess er es in dieses Buch schreiben und machte diese Verse, welche so lauten"

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(I veyendo don Juan que este era buen ejemplo fizolo escrivir en este libro y fizo estos versos que dicen aci.) Solcher Erzählungen enthält das Buch neun und vierzig (resp. 50) in eben so vielen Capiteln, welche sonst gar keinen Zusammenhang mit einander haben, und auch die Rahmenerzählung bleibt ohne Abschluss.

Die Erzählungen des Conde Lucanor gehören den verschiedensten Genres an. Neben Thierfabeln (cap. 9. 26. 27. 32. 35. 38. 43) 1) finden wir Erzählungen von übertriebener Rittertreue (cap. 3) und wunderbaren Ritterthaten (cap. 6), von Sultan Saladin's Reisen (cap. 12), von Zauberern und Betrügern. (cap. 7. 8. 13.) Im Genre der Legenden und Contes devots sind Capitel 10. 15. 47 und 49.

Das orientalische Element zeigt sich nicht nur in den Erzählungen von Königen und Grossen, sondern es werden auch arabische Sprichwörter in der Originalsprache citirt. (cap. 11. 14.) Dagegen wird aber auch der Krieg gegen die Mohamedaner und die Aufopferung für den christlichen Glauben wiederholt empfohlen. (cap. 4. 21.) Am häufigsten sind die Lehren hoher Politik für Fürsten und guten Benehmens für Höflinge und Minister (cap. 2. 9. 16. 17. 18. 23. 27. 32. 38. 43.) Doch finden sich auch andere moralische Lehren, so z. B. über die Belohnungen und Strafen im zukünftigen Leben (cap. 40),

1) Cap. 35 und 38 finden sich auch im Pantschatantra. (Vergl. auch Benfey I. S 225. 333. 335. 501.)

über das Vertrauen auf Gott, im Gegensatz zum Vertrauen auf irdische Freunde. (cap. 37, wahrscheinlich aus der Disciplina clericalis genommen.)

Sehr schön wird von den Almosen gesagt:

Ein rechtes Almosen muss folgende fünf Eigenschaften haben:

den.

Erstens: es soll von ehrlich erworbenem Gut sein.
Zweitens: es soll mit bussfertigem Gemüth gegeben wer-

Drittens: es soll von Werth und dessen Abgang dem Geber empfindlich sein.

Viertens: es soll bei Lebzeiten und

Fünftens: um Gotteswillen und nicht aus Prahlerei gegeben werden.

Ein interessantes Seitenstück dazu ist die indische Definition eines guten Almosens (Hitopadesa I. Str. 14. S. 17): „Die Gabe, die im Bewusstsein, dass man geben soll, am rechten Orte, zur rechten Zeit und zum rechten Zwecke Dem gegeben wird, der sie nicht vergelten kann, die heisst eine gute Gabe.

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Sehr schön ist die Parabel von der Wahrheit und der Lüge (cap. 42), von der ich als Probe des ganzen Werks hier einen Auszug gebe:

Wahrheit und Lüge pflanzten einst zusammen einen Baum, und als er emporwuchs, beschlossen sie ihren gemeinsamen Besitz zu theilen. Lüge beredete nun die Wahrheit, als ihren Theil die Wurzel zu nehmen, indem sie ihr vorstellte, dass die Wurzel das Wichtigste am Baume und der sicherste Besitz sei; sie selbst aber, sagte sie, wolle sich mit den Zweigen begnügen, obwohl diese in der freien Luft allerlei Gefahren durch Menschen und Thiere, Frost und Hitze ausgesetzt wären. Die einfältige Wahrheit ging auf den hinterlistigen Vorschlag der Lüge ein, und nahm ihren Wohnsitz unter der Erde bei den Wurzeln des Baums, während die Lüge auf der

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