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§ 11. Zu der erbaulich legendenhaften erzählenden Literatur gehört auch das grosse jüdische exegetisch-homiletische Werk Midrasch Rabboth.

Es ist dies ein theils in hebräischer, theils in aramäischer Sprache aber mit starker Beimengung corrumpirter griechischer und lateinischer Worte geschriebener, anekdoten- und legendenartiger Commentar zum Pentateuch, zu den Büchern Ruth und Esther, den Klageliedern Jeremiae, dem Prediger und dem Hoheliede Salomons. Er hat einen mehr erbaulichen und moralischen als exegetischen Zweck und konnte als Unterlage und Hilfsbuch für populäre Predigten benutzt werden. Er spielte bei den Juden ungefähr die Rolle, welche die Gesta Romanorum in der christlich - mittelalterlichen Literatur spielten und hat oft in ähnlicher Weise wie diese die römische Geschichte wunderlich entstellt und seinen homiletischen Zwecken dienstbar gemacht. Doch enthält er weniger Albernheiten als die Gesta und ist auch kein bunt zusammengewürfelter Haufen von Erzählungen und Anekdoten. Er hält sich streng an die Ordnung der biblischen Bücher und macht keine selbsterfundene Kaiser und Könige zu Helden seiner Erzählungen. Die römischen Kaiser gebärden sich bei ihm oft gar wunderlich, aber es sind doch die bekannten Namen von Titus, Hadrian u. s. w. die wir finden, und Manches hat einen historischen Kern. Auch enthält der Midrasch viele schöne Sentenzen und Gleichnisse. Der Midrasch lehnt sich manchmal an den Talmud an und ist in manchen Beziehungen dessen Fortsetzung; aber er ist doch wieder europäischer. Selbst wo er den Orient schildert, gebraucht er römische Ausdrücke; so spricht er von den Prätorianern des Königs Artaxerxes, von den Decumani und Augustales Nebuchadnezar's.

Der Midrasch entstand im Laufe mehrerer Jahrhunderte; der älteste Theil, der Commentar zum Buche Genesis stammt aus dem sechsten Jahrhundert, der jüngste, zum Prediger

Salomo aus dem eilften oder zwölften Jahrhundert, doch enthalten auch die jüngern Bücher viele alte Bestandtheile.

Dieser Bibelcommentar wurde oft gedruckt und auch wieder commentirt. Die erste Ausgabe erschien 1512 in Constantinopel, die neueste 1866 in Leipzig. Durch die treffliche deutsche Uebersetzung von Dr. Aug. Wünsche (Leipzig 1880 sq.) ist er auch dem grossen Publicum zugänglich und geniessbar gemacht worden.

Aehnlicher Art und verwandten Inhalts sind der Midrasch Tanchuma oder Jelamdenu (zuerst Constantinopel 1520 gedruckt, neueste Ausgabe, Warschau 1875), der Midrasch Schochar Tob zu den Psalmen und Sprüchwörtern Salomons (Constantinopel 1512), die verschiedenen Pesiktas sowie noch mehrere andere Werke, von denen manche in Palästina entstanden und noch älter sind. 1)

§ 12. Die Idee zur Novelle Die Spröde und der gespenstische Jäger (T. V. N. 8) scheint Boccaccio aus dem Specchio della vera penitenza seines Zeitgenossen, des Dominicaners Jacob Passavanti († 1357) genommen zu haben, dessen Quelle, wie er selbst angibt, François Helinand, ein französischer Schriftsteller des dreizehnten Jahrhunderts, war, dem auch Vincenz von Beauvais (Speculum histor. lib. 29 cap. 120) nachschrieb.

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François Helinand († 1229) schrieb Vers de la mort", auch „Poëme sur la mort" genannt, eine bis zum Jahre 1204 reichende Chronik in 49 Büchern voller Fabeln und die „Flores

1) Vergl. Zunz, Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden. Berlin 1832 passim Grässe II 336. Wünsche's Einleitung zu seiner Uebersetzung des Rabbot; die Recensionen der Pesikta-Ausgaben in Frankel-Grätz Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judenthums 1881 S. 284 und 328 und Jellineks Einleitungen zu seinen Ausgaben der kleinen Midraschim.

Helinandi", drei Werkchen erbaulichen Inhalts, in denen auch Erzählungen von Gespenstern vorkommen.

Nach Bottari (II. 167) findet sich das Urbild von Boccaccio's Novelle in dem Poëme, nach Dunlop (226 b) in der Chronik und nach Liebrecht (Uebers. v. Dunlop S. 236) in den Flores. Ich konnte mir diese Werke nicht verschaffen, glaube aber dass Liebrecht's Angabe die richtige ist. 1)

Uebrigens hat Boccaccio, wie aus seinen Citaten in den Genealogien der Götter ersichtlich ist, das Werk des Vincenz gut gekannt und konnte es daher ebensogut wie das des Passavanti benutzt haben.

Nach Letzterm 2) sieht ein Köhler vier Nächte hintereinander wie ein Ritter, der so wie sein Ross aus Mund, Nase und Augen Feuer speit, ein nacktes Frauenzimmer verfolgt, sie bei den Haaren ergreift, mit dem Schwert durchbohrt, dann ins Feuer wirft, sie ganz verkohlt herauszieht und mit ihr davongaloppirt. Auf Befragen erzählt der Ritter dann dem vom Köhler herbeigerufenen Grafen von Nevers, dass die Verfolgte aus sträflicher Liebe zu ihm ihren Gatten ermordet habe und dass beide die ewigen Höllenstrafen verdient hätten. Da sie aber vor dem Tode aufrichtig Busse gethan hätten, wäre ihnen die Strafe auf diese Weise gemildert und in eine zeitliche verwandelt worden; so dass dieses Verfolgen, Erstechen und Braten ihr Fegefeuer sei.

Bei Helinand und Vincenz wird das Verbrennen nicht erzählt und in allen drei Erzählungen, welche Liebrecht (Vorrede S. XII. XIII) und Wesselofsky (Favola della fanciulla perseguitata, Pisa 1866) mit der Sage vom wilden Jäger in Verbindung bringen, kommen die Hunde nicht vor, welche wir erst bei Boccaccio finden.

1) Vergl. Schmidt, Beiträge zur Geschichte der romant. Poesie S. 56, Grässe III. 1081 IV. 1025 Hist. litt. de la France XVIII. S 98. Oesterley zu Pauli, Schimpf und Ernst N. 228 S. 499.

2) Specchio della vera penitenza. Firenze 1856 Dist, III, cap. 2 p. 46-18,

Der Erzählung Helinand's ähnlich ist die im Dialogus miraculorum des Caesarius von Heisterbach, (Dist. XII. cap. 20) bei dem aber auch die Hunde vorkommen. Er berichtet: Die Konkubine eines Geistlichen liess sich vor ihrem Tode Schuhe mit starken Sohlen machen, und sagte: „Begrabet mich in ihnen, denn ich werde sie nöthig haben." In der Nacht nach ihrem Tode ritt ein Ritter mit seinem Diener auf der Strasse bei hellem Mondschein, da hörten sie eine Frau um Hilfe rufen. Es war die Konkubine, welche im blossen Hemde und in den neuen Schuhen vor einem Jäger floh. Man hörte das furchtbare Tönen seines Horns und das Gebell der Hunde. Der Ritter ergriff die Haarflechten der Frau, wand sie um seinen linken Arm und zog mit der Rechten das Schwert um sie zu schützen. Die Frau begann nun zu schreien: „lasst mich los, lasst mich los, da kommt er!" Da der Ritter sie nicht loslassen wollte, entriss sie sich ihm mit Gewalt, wobei ihm ihre Flechten zurückblieben. Der Jäger erreichte aber doch die Fliehende, warf sie aufs Pferd, dass Kopf und Arme von der einen Seite, die Beine von der andern herabhingen und ritt mit ihr fort. Nach Hause gekommen erzählte der Ritter was er gesehen, und da man ihm nicht glauben wollte, öffnete man das Grab der Frau, die man ohne Haare fand.

Boccaccio scheint bei seiner Novelle auch von Dante beeinflusst worden zu sein, denn der verfolgende Ritter in der Novelle erzählt, dass er sich wegen verschmähter Liebe das Leben genommen und desshalb zu dieser Strafe verurtheilt sei, und bei Dante (Inferno XIII. 111-130) sind es die unsinnigen Verschwender, die violenti ne' suoi beni, welche in demselben Höllenkreise, in dem die Selbstmörder bestraft werden, von Hunden zerrissen werden.

Dante's nudi e graffiati finden wir bei Boccaccio wenig verändert wieder.

Auch das altdeutsche Gedicht von Ritter Ulrich (Grimm

Deutsche Sagen II. 233 Nr. 533) meldet von einer Cavalcade gespenstischer Ritter und Frauen, welche im Leben die eheliche Treue gebrochen hatten, und Giovanni Villani erzählt in seiner Chronik (libro IV. cap. 2), dass der Markgraf Hugo, der a. 1006 starb, einst in einem Walde schwarze hässliche Männer fand, welche andere Menschen mit Feuer, Hammer und Ambos bearbeiteten. Auf sein Befragen ward ihm zur Antwort, dass die so Gequälten verdammte Seelen wären, und dass auch ihn eine gleiche Strafe treffen werde, falls er nicht von seinem weltlichen Leben lassen würde. So wie die Tochter des Paul Traversari nahm sich der Markgraf die Warnung zu Herzen er that Busse und erbaute sieben

Abteien.

In allen diesen Erzählungen werden die Strafen unerlaubter Liebe oder sittenlosen Lebens geschildert, während wir eine Bestrafung der Unempfindlichkeit für die Pfeile Amors im Sinne von Boccaccio's Novelle nur im französischen Lai del trot finden, das aber in den Details von Boccaccio's Erzählung noch mehr abweicht. Es wird darin beschrieben, wie Jemand in einer Vision achtzig Damen sieht, die auf prachtvollen Rossen von ihren Liebhabern begleitet, küssend, scherzend und von Liebe plaudernd einherziehen, weil sie im Leben Ont amor loialement servie;

ihnen folgen achtzig Frauen auf elenden Rosinanten Plaignant et sospirant adés

E qui trotent si durement,

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Ne ainc ne daignierent amer (bei Wesselofsky S. L.)

In der ergreifend schönen schottischen Ballade „Proud Lady Margaret" (bei Roberts S. 154) legt die spröde Margaretha allen Bewerbern um ihre Hand drei Räthsel vor, und wer sie nicht löst, muss sterben:

„And but ye read them richt," she said,
„Gae stretch ye out and dee,

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