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• Quelle dieser Novelle in irgend einem verloren gegangenen spätgriechischen oder byzantinischen Romane.

Ich möchte aber hier noch auf einen ganz eigenthümlichen Umstand aufmerksanı machen, der mir nicht ohne Bedeutung zu sein scheint. Boccaccio sagt nämlich in der Novelle, dass der Sohn des Aristipp eigentlich Galeso hiess und nur wegen seines Stumpfsinns, seines Widerwillens gegen das Lernen und seines mehr einem Vieh als einem Menschen ziemenden Betragens Cimon genannt wurde, was in der dortigen Sprache soviel heissen will, als ein grosses Vieh in unserer („quasi per ischerno da tutți era chiamato Cimone, il che nella lor lingua sonava quanto nella nostra bestione"). Nun finde ich aber, dass der Athener Cimon, der später so berühmt gewordene Sohn des Miltiades in seiner Jugend auch für dumm gehalten wurde, und Plutarch sagt in dessen Biographie „er glich in seiner Jugend seinem Urgrossvater Cimon, welcher wegen seiner Dummheit und Stumpfsinnigkeit den Zunamen Koalemos (Koáλeuos) bekam. 1)

Schreiben wir diese Aenderung Cimons der Liebe zu, so haben wir den Kern von Boccaccio's Novelle.

1) Plutarch, Cimon IV.,,Cimonis vero incunabula opinione stultitiae fuerunt referta" sagt Valerius Maximus lib. VI. cap. IX. de mutatione morum, Externa 3.

VII. Historisches.

§ 1. Auch wirkliche Begebenheiten erzählt uns Boccaccio in seinen Novellen, und ist es vorzüglich Manni, der in seiner Istoria del Decamerone die Spuren von Wahrheit in diesem Werke mit bewunderswürdigem Fleisse aufgesucht hat, wobei er aber manchmal zu weit gegangen ist, indem er Vieles ohne genügende Gründe für wahr angenommen hat. Wo es ihm nicht möglich war die Wahrheit des Erzählten zu beweisen, suchte er wenigstens die Existenz der in den Novellen auftretenden Personen nachzuweisen, was dort, wo von Zeitgenossen Boccaccio's die Rede ist, wenigstens ein halber Beweis der Wahrheit des Erzählten ist, da Boccaccio es wohl nicht gewagt hätte, von bekannten, zu seiner Zeit noch lebenden Personen Falsches zu erzählen.

So erzählt er z. B. in der zehnten Novelle des fünften Tages eine schändliche Handlung des Pietro di Vinciolo, welcher einer angesehenen und mächtigen Familie in Perugia angehörte und selbst mehrere Aemter bekleidete. Ein Nachkomme dieses Peter versuchte im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts seinen Vorfahren von dem Flecken, den Boccaccio seinem Namen angeheftet, reinzuwaschen und basirte die Vertheidigung seines Verwandten hauptsächlich darauf, dass Boccaccio diese Novelle aus den Metamorphosen des Apulejus genommen (Manni 367).

Dies ist zwar, wie wir oben (S. 313) gesehen haben, wirklich der Fall, aber es ist noch kein Beweis, dass dem

Vinciolo nicht etwas Aehnliches passirte. Wenn Boccaccio es gewagt hat, von ihm so etwas mit Nennung seines Namens zu erzählen, so war sein Leumund gewiss nicht der beste, und der Novelle liegt ausser der Erzählung des Apulejus wohl auch etwas Wahres zu Grunde.

Dagegen verschweigt Boccaccio in der sechsten Novelle des ersten Tages den Namen des habsüchtigen Inquisitors, während Manni sagt (S. 165), dass es fast gewiss sei, dass der Held dieser Novelle der Inquisitor Pietro della Aquila war. G. Villani lib. XII. cap. 58 und Marchione di Coppo Stefani (Istoria fiorentina ad. a. 1345 in Delizie degli eruditi Toscani vol. XIII. libro 8. S. 118) erzählen interessante Geschichten von der Habsucht dieses Inquisitors. Wie Marchione berichtet, verklagten ihn die Florentiner beim Papst, hatten aber davon nur Kosten und wenig Ehre. Sie erliessen daher eine Verordnung, dass der Inquisitor nur zum Scheiterhaufen, nicht aber zu Geldstrafen verurtheilen können sollte. Pietro dell' Aquila aber wurde bald darauf zum Bischof befördert. (Bottari II. 81.)

Manni (S. 239) glaubt auch, dass Boccaccio in der Novelle von Alibech (T. III. 10) die wahren Namen verschwiegen habe; da Sacchetti einen ähnlichen Fall erzählt und Todi als Schauplatz der Handlung angibt. Allein die Novelle Sacchetti's (Nr. 101) ist nichts als eine Nachahmung der Boccaccio's, die er nach seiner Art übertrieben und wo möglich noch schmutziger als sein Vorbild gemacht hat.

Unter den Schriften des heil. Hieronymus findet sich eine Epistel an einen Mönch Rustico, worin er diesen ermahnt, die Lockungen dieser Welt zu fliehen und die Gefahren schildert, denen besonders ein junger Eremit ausgesetzt ist. (Manni S. 239. Bottari I. 232.) Sollte Boccaccio von dort den Namen des Helden seiner Novelle genommen haben?

An der Wahrheit dessen, was Boccaccio in der Novelle von Andreuola und Gabriotto (IV. N. 6) erzählt, zweifelt

Manni (S. 293) nicht im Geringsten, da es auch von Elias Cavriolo, dem Geschichtschreiber Brescia's, dessen Zeugniss bei Manni von grossem Gewicht ist, erzählt wird.

Die Erzählung bei Cavriolo 1) weicht in vielen Punkten von der Boccaccio's ab. Es fehlt bei Ersterem der Traum Andreuola's und auch Gabriotto's Todesart wird nicht beschrieben. Cavriolo erzählt nur ganz kurz, dass im Jahre 1318 Andreuola, die Leiche des plötzlich gestorbenen Gabriotto tragend, von den Shirren ergriffen und zum Richter Acquabianca, Vicar des Königs Robert von Neapel gebracht wurde, worauf dieser ihr den schändlichen Antrag machte. Seine Erzählung in dreiundsechzig Worten sieht wie ein Auszug von Boccaccio's Novelle aus, und ihren Schluss weglassend, beginnt er dann mit den Worten: „Obwohl Boccaccio dieses Ereigniss anders berichtet" zu erzählen, wie der Vater des Mädchens, um den ihm angethanen Schimpf zu rächen, mit seinen Verwandten das Gerichtshaus überfiel, so dass der Richter, um sein Leben zu retten, entfliehen musste. Die andern Bürger legten sich dann in's Mittel und bewogen den beleidigten Vater die Stadt zu verlassen, worauf der Richter von König Robert abberufen und Simon Tempesta zu dessen Nachfolger ernannt wurde. 2)

Ich weiss nicht, warum Manni die Autorität Cavriolo's, den Tiraboschi in seiner Literaturgeschichte mit einigen Worten abfertigt 3), so hoch achtet; aber ich habe das Werk dieses

1) Delle historie Bresciane di M. Helia Cavriolo libri dodeci fatti volgari da Patritio Spini. Brescia 1585. libro VII. pag. 142.

2) Nach Matteo Camera's Annali delle due Sicile (Neapel 1860, II. S. 269) wurde Acquabianca aus unbekannter Ursache i. J. 1319 vom Volke von Brescia abgesetzt und Tempesta an seine Stelle zum Vicar gewählt, in welchem Amte ihn auch König Robert bestätigte.

3) Cavriolo al principio di questo (XVI.) secolo illustrò la storia di Brescia sua patria dalla fondazione della città fino a' suoi tempi con una cronaca divisa in quattordici libri, ch' è poi stata ancor tradotta in lingua italiana e pubblicata piú volte. (Storia della lett. it. secolo XVI. libro III. cap. I. 55. vol. VII. S. 940.) Doch sagt Vossius (de hist. lat. III. 812) von ihm Praeclare de patria meritus fuit libris XIV. de rebus Brixianis.

Historikers dritten Ranges, der die Geschichte seiner Vaterstadt mit Herkules beginnt, voller Fabeln und Wundererzählungen gefunden und kann ihm daher nur wenig Glauben schenken. Sein Bericht kann mir also nicht als Beweis für die Wahrheit von Boccaccio's Erzählungen dienen, ja ich glaube sogar, dass Cavriolo's einzige Quelle eben die Novelle Boccaccio's war. In dieser Vermuthung bestärkt mich auch die eigenthümliche Uebereinstimmung in den Namen der handelnden Personen. Das Mädchen heisst nämlich bei Cavriolo sowie bei Boccaccio Andreuola, ihr Vater Negro da Poncarale (eine unwesentliche Modification von Boccaccio's Ponte Carraro) und der Liebhaber Gabriotto. Seinen Familiennamen gibt Cavriolo ebenso wie Boccaccio nicht an, was er doch gewiss gethan hätte, wenn seine Quellen zeitgenössische Chroniken seiner Vaterstadt und nicht Boccaccio's Novelle gewesen wären. Dass er diese gekannt, sagt er selbst, und die Art, wie er ihre Autorität in Bezug auf den zweiten Theil der Erzählung ablehnt, sieht wie eine stillschweigende Anerkennung derselben in Bezug auf den ersten aus. Ja, wenn man die Novelle Boccaccio's nicht gelesen hat, ist Cavriolo's Bericht ganz unverständlich; denn da dieser nur erzählt, dass das Mädchen von Acquabianca „fu chiesta di amoroso piacere", so können wir den Grimm ihres Vaters gar nicht begreifen, und nur in Boccaccio's Novelle finden wir die Erklärung hievon. Bei Boccaccio söhnt sich der Vater des Mädchens mit dem Richter aus, während bei Cavriolo beide die Stadt verlassen müssen. Es scheint demnach, dass Cavriolo die Erzählung von der Absetzung des Richters etwas aufputzen wollte, und dazu die Novelle Boccaccio's benutzte, da in ihr Brescia als Schauplatz der Handlung angegeben ist. Läge aber dieser Novelle ein wirklicher Vorfall zu Grunde, so müsste man annehmen, dass Boccaccio den Namen des Richters aus Rücksicht für König Robert, dessen Vertreter er war, verschwiegen habe.

Der Novelle von der wiedergefundenen Schwester

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