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„der Ehre des Hauses Calboli“ (Purg. XIV. 89. 97), und an derselben Stelle auch von Arrigo Manardi, womit er wahrscheinlich den Vater des ertappten Richard meint.

Die achte Novelle des neunten Tages erzählt uns von dem jähzornigen Filippo Argenti und dem Fresser Ciacco. Beide Florentiner Bürger, die uns wohl nicht interessiren würden, wenn uns nicht zwei der grössten Florentiner Dichter ihre Charaktere mit wunderbarer Uebereinstimmung überliefert hätten. Von dem starken, jähzornigen und mürrischen Filippo Argenti heisst es bei Dante (Inferno VIII. 62):

El fiorentino spirito bizzarro

In sè medesmo si volgea co' denti.

und der Schlemmer und Fresser Ciacco büsst in ekelhafter Qual im dritten Kreise der Hölle „la dannosa colpa della gola" (Inferno VI. 56).

Den Witz von den Häusern der Todten (T. VI. N. 9) erzählt Petrarca in seinen „Rerum memorandarum" (lib. II. cap. 3, 422) von Dino aus Florenz, ohne Boccaccio's Novelle oder den Namen Cavalcanti's zu erwähnen. Er hat nur die kleine Variante, dass Dino mit dem Ausdruck „euer Haus“ sich an alte Leute wendet, die ihrem Hause, dem Grabe nahe sind, was mir viel passender und ursprünglicher vorkommt, als die Anwendung auf unwissende Menschen, wie sie in der Novelle gemacht wird. Es ist also wahrscheinlich, dass die Anekdote in ihrer ursprünglichen und einfachen Form von Dino erzählt wurde und dass erst Boccaccio sie auf den bekannteren Cavalcanti übertrug und in seiner Weise ausschmückte. Nach Petrarca's Worten scheint der Held seiner Anekdote nicht der berühmte Arzt Dino del Garbo gewesen zu sein.

Der Novelle von der Scheintodten (T. X. N. 4) scheint auch ein wirklicher Vorfall zu Grunde zu liegen. Es kann aber selbstverständlich nicht der Fall der Ginevra Almieri sein, der sich nach Manni (S. 554) im Jahre 1396 ereignete. Da im Mittelalter die Todten meistens nicht lange unbegraben

gelassen wurden, so mag es wohl häufig vorgekommen sein, dass Scheintodte begraben wurden, und die Entdeckung eines solchen Falles konnte dem Dichter des Dekameron die Anregung zu seiner Novelle gegeben haben. Im Filocopo erzählt er uns dieselbe Geschichte, lässt aber die Handlung in Neapel vor sich gehen, während im Dekameron Bologna der Schauplatz ist; auch gehören hier die Namen der handelnden Personen bekannten Bologneser Familien an, während im Filocopo keine Namen genannt werden.

Mehrere andere Bearbeitungen dieses Süjets, darunter auch die aus dem fünfzehnten Jahrhundert stammende „Storia di Ginevra degli Almieri" in Octaven (Pisa 1863) führt Liebrecht in seiner Abhandlung „Die Todten von Lustnau" (Zur Volkskunde S. 60) auf. Dramatische Bearbeitungen finden sich auch in Franz Gräffer's „Romantischen Vignetten" (Wien 1813) und eine unvollendete von Julius Schindler in den „Dioskuren" (Jahrgang 1883 Wien).

Einige Spuren dieser Novelle finden sich auch in dem schönen Lai d'Eliduc von Marie de France, (Poésies I. 468 sq.) wo Guildeluec, die Gattin Eliduc's dessen verstorbene Geliebte wiederbelebt und dann ins Kloster geht, um ihrer Vereinigung nicht im Wege zu stehen. Guildeluec spielt hier ungefähr dieselbe Rolle wie Gentile in der Novelle, ja sie bringt ein noch grösseres Opfer, da sie, die rechtmässige Gattin, der Geliebten ihren Platz abtritt.

§. 2. Der Novelle von Gerbino (T. IV. N. 4) soll nach Gaddi (bei Manni 283) etwas Wahres zu Grunde liegen. Doch kann es nicht, wie Lami (anno 1755 vol. 16 S. 161) meint, das sein, was Mariana beim Jahre 1340 in seiner Geschichte von Spanien (lib. XVI. cap. 8 vol. II. S. 61; Mainz 1605) von Albohacen, Fatima und Aben Amerino erzählt; da er an

dieser Stelle nichts weiter sagt, als dass Fatime die Tochter des Königs von Tunis und Frau des Königs Albohacen sowie dessen Sohn Abohamar von den Christen gefangen genommen wurden. Der Novelle Boccaccio's etwas ähnlicher, aber doch noch ziemlich weit von ihr entfernt, ist folgendes, das Burigny (Histoire générale de Sicile, livre V. chap. 11 vol. I. S. 494) beim Jahre 1177 erzählt:

„Ein mohamedanischer Fürst aus Afrika schickte seine Tochter nach Spanien, wo sie einen maurischen Fürsten heiraten sollte. Die Escadre, welche sie begleitete, wurde von der Flotte des Königs Wilhelm II. von Sicilien angegriffen, die Prinzessin gefangen genommen und nur gegen Abtretung von zwei Städten ihrem Vater zurückgegeben."

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Es ist dieses eine fast wörtliche Uebersetzung des in der Chronik des Robert de Monte zum Jahre 1179 Erzählten, wo auch die Namen der abgetretenen zwei Städte Affrica und Sibillia angegeben sind.

Robert aus Torigny in der Normandie, geboren um 1110, ward 1154 Abt von Mont St. Michel, weshalb er de Monte genannt wird und schrieb seine Chronik als Fortsetzung der des Sigebert von Gemblours. Er starb 1186, also wenige Jahre nach dem hier berichteten Ereigniss. Sein neuester Herausgeber nennt ihn doctrinae gloria Normannorum sui saeculi princeps.')

Bei den arabischen Autoren findet sich keine Erwähnung des von ihm Erzählten, weshalb Amari einige Zweifel äussert; doch glaubt er, dass Robert nach einer Tradition berichtete. 2)

Von einem verliebten Enkel des Königs Wilhelm sagt übrigens der Chronist nichts und weiss auch keine andere Geschichte Siciliens etwas von ihm. Boccaccio hat auch sonst

1) Ludw. Conrad Bethmann in Pertz' Monumenta Germaniae historica, Scriptores vol. VI. 283 und 528.

2) Storia de' Musulmani in Sicilia III. 516, bei Giacinto Romano in der 1881 in Neapel gedruckten Gelegenheitsschrift Napoli-Ischia S. 13.

in dieser Novelle gezeigt, dass er in der ältern Geschichte Siciliens nicht sehr bewandert war. Er spricht nämlich von einem Wilhelm, zweitem König von Sicilien, der nur eine Tochter Constanze hatte, da sein einziger Sohn Roger (mit Hinterlassung eines Sohnes Gerbino) vor dem Vater gestorben

Er kann also nur Wilhelm I. den Bösen, Sohn Roger's I. gemeint haben, dessen Sohn Roger bald nach der Revolution von 1163 bei Lebzeiten seines Vaters starb. Dieser König Wilhelm hatte aber keine Tochter Constanze, sondern ausser Roger noch einen Sohn Wilhelm, der ihm 1166 als Wilhelm II. (der Gute) nachfolgte, und von dem Boccaccio nichts gewusst zu haben scheint. Wohl hat eine Constanze den Thron von Sicilien geerbt, aber diese, welche 1186 den nachmaligen deutschen Kaiser Heinrich VI. heiratete, war eine Tochter Roger's I., also eine Tante und keine Schwester des 1163 gestorbenen Prinzen Roger.

In seinem Werke De claris mulieribus nennt Boccaccio Constanze eine Tochter Wilhelm's des Guten, zu welchem Irrthum ihn wahrscheinlich der Umstand verleitete, dass sie auf einen Wilhelm (nämlich den Dritten, Sohn Tancred's) folgte. In dem Werke De casibus virorum illustrium (lib. IX. cap. 14) nennt er sie schon richtig die Tochter Roger's, bemerkt aber dabei, dass sie von Manchen (er gehörte früher auch zu diesen) für eine Tochter Wilhelm's II. (des Guten) gehalten wird.

Ein italienisches Gedicht in Octaven, das denselben Inhalt wie diese Novelle Boccaccio's hat und das nach Lami (anno 1755. vol. 16. S. 161) wahrscheinlich aus dem vierzehnten Jahrhundert, nach Molini aber (bei Zambrini 3. S. 305 b) ein Werk des Altissimo ist, der am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts lebte, ist nichts als eine amplificirte Bearbeitung der Novelle Boccaccio's. Auch die Namen der Personen sind dieselben wie bei Boccaccio, nur die Prinzessin, deren Namen bei Diesem nicht angegeben ist, heisst im

Gedicht Helene, ein Name, der bei Saracenen nicht vorzukommen pflegt und also nur Zusatz des spätern mit den Mohamedanern weniger bekannten Dichters sein kann.

Uebrigens sagt selbst Lami nicht, dass das Gedicht die Quelle von Boccaccio's Novelle sei, sondern nur, dass beide vielleicht eine gemeinsame hatten; und will ich hier nur noch auf das verweisen, was ich oben in Bezug auf die Octaven der Lusignacca gesagt habe, das hier noch durch die Angabe Molini's und die grössere Aehnlichkeit des Gedichtes mit der Novelle bestätigt wird. Von dem Gedicht gibt es eine alte Ausgabe aus dem Ende des fünfzehnten oder Anfang des sechzehnten Jahrhunderts und eine vom Jahre 1862 (Bologna Romagnoli) in 99 Stanzen.

Die Idee zur Episode von der als Abt verkleideten englischen Prinzessin, welche, um der verhassten Verbindung mit dem alten König von Schottland zu entgehen, zum Papst flieht (T. II. N. 3), verdankt Boccaccio vielleicht dem historischen Chanson vom jungen Grafen von Flandern, welcher nach Frankreich entfloh, um die Tochter des Königs von England nicht heiraten zu müssen. (Hist. litt. de la France XXIV., 167.)

Andererseits hat aber diese Novelle auch einen uralt-märchenhaften Kern. Es ist das in zahlreichen Variationen verbreitete Märchen vom Besten Jüngsten," in welchem der jüngste Bruder, der mitunter für schwach oder dumm gehalten wird, Thaten verrichtet, welche die ältern Brüder nicht vollbringen konnten. Er bekommt fast immer eine schöne Prinzessin zum Lohn für seine Grossthaten, befreit oft die ältern Brüder aus schwierigen oder gefährlichen Lagen und wird von ihnen mit Undank gelohnt und verrathen.

Bei Boccaccio tritt statt des jüngsten Bruders der Neffe ein, der die schöne Prinzessin bekommt, die Brüder aus ihren Geldnöthen befreit und ihre Schulden bezahlt. Dieser letzte Zug findet sich auch in einem italienischen Märchen (bei Com

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