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Er war ein muthwilliger lustiger Patron, dem nichts heilig war. So erzählt Vasari, dass er einst eine Madonna mit dem Kinde malte und als der Auftraggeber ihm nicht zahlen wollte, aus dem Jesuskind einen jungen Bären machte und sich dadurch Bezahlung erzwang. Er war einer der Hauptordner des Festes, bei welchem in Florenz auf der CarrajaBrücke die Hölle vorgestellt wurde, hatte aber das Glück, beim Einsturz der Brücke nicht zugegen zu sein.

Die Kunst war damals noch nicht so einträglich, wie zu Rafaels Zeit, und Buffalmacco war daher sein lebenlang arm und starb 1340 im Hospital.')

Obwohl Vasari und Sacchetti eine Menge Spässe und lustige Streiche von ihm erzählen, spielt er doch bei Boccaccio die zweite Rolle, und ist gewöhnlich nur der Ausführer des von Bruno Ersonnenen.

Dieser Bruno di Giovanni steht als Künstler dem Buffalmacco bedeutend nach. Er konnte den von ihm gemalten Figuren nicht den gewünschten Ausdruck geben und half sich dadurch, dass er ihnen ganze Reden in den Mund schrieb. Vasari sagt (vol. III. S. 72), dass ihn der spottsüchtige Buffalmacco dazu verleitete; indessen Cimabue und Orcagna haben ohne Buffalmacco's Zureden dasselbe gethan. Eine von Bruno gemalte heilige Ursula findet sich in der Academie der schönen Künste in Pisa. (Henri Delaborde a. a. O.) Es ist dies wahrscheinlich das von Vasari erwähnte Bild mit dem Zettel im Munde der Heiligen. 2)

1) Vasari, vite de' più eccellenti pittori, scultori e architetti. Venezia 1828. vol. III. S. 53-81. Henri Delaborde, La peinture en Italie, in Revue de deux mondes, 15. Septembre 1866. Nach Baldinucci (bei Manni 496) lebte Buffalmacco noch 1351. Neuere Forscher haben seine Existenz in Abrede stellen wollen. (Vergl. Flögel, Geschichte des Grotesk-Komischen, bearbeitet von Dr. F. W. Ebeling. Leipzig 1862. S. 431.)

Dagegen hat Manni (Veglie piacevoli II. S. 33-37) die Existenz Calandrino's und seiner Frau aus Urkunden nachgewiesen. Frau Tessa starb vor Calandrino und er heiratete 1296 zum zweiten Male und starb vor 1318.

2) Nach Cavalcaselle und Crowe (Storia della pittura in Italia dal secolo II. a sec. XVI. vol. II. cap. 4 p. 87 Florenz 1883] scheint dieses Bild der Pisaner Schule anzu

Der dritte Spassmacher und Künstler ist Nello di Dino, der nur in zwei Novellen vorkommt und von dem nichts Näheres bekannt ist.

Die köstlichste Figur in diesen Novellen ist jedoch Calandrino, der wie Falstaff nicht nur selbst witzig ist, sondern auch die Ursache ist, dass Andere witzig werden. Ueberhaupt hat er viel Aehnliches mit dem tapfern Ritter, und seine Abenteuer mit Niccolosa erinnern an die Falstaff's mit den Mrss. Page, Ford und Quickly. Er wurde von den andern drei Malern, die alle jünger als er waren, beständig zum besten gehabt, so dass seine Frau ihn mit Recht einen alten Narren nannte. Diese Frau Tessa war zwar eine hübsche und brave Frau, tirannisirte aber den armen Calandrino furchtbar. Seine Versuche zu selbstständigem Handeln werden immer mit grosser Furcht vor ihr in's Werk gesetzt und dienen nur dazu, ihn immer lächerlicher zu machen; ja er muss noch manchmal seine Quäler durch Geschenke dazu bewegen, ihn vor seiner Frau nicht zu verrathen. Mitunter kommt es auch zwischen dein Ehepaar zu Schlägen, wobei Calandrino gewöhnlich schlecht wegkommt.

Sein Leidensgefährte ist der Doctor Simon aus Bologna (Tag VIII. N. 9). Dieser Pedant und Grosssprecher ist ebenfalls unübertrefflich geschildert, verwandelt sich aber sonderbarer Weise in der Novelle von Calandrino's Krankheit (IX. N. 3) in einen Mithelfer Bruno's und Buffalmacco's, der mit dazu beiträgt, den armen Calandrino zu prellen.

Was dem armen Doctor eingeredet wird (T. VIII. N. 9) war übrigens nicht Erfindung Bruno's und Buffalmacco's. Man glaubte im Alterthum und im Mittelalter wirklich, dass man durch Zauberformeln geliebte Personen in seine Gewalt bringen und ihre Liebe geniessen könnte. Nach dem „Traité des su

gehören. Sie sprechen auch dem Buffalmacco die ihm zugeschriebenen Bilder ab und sagen, dass Vasari's Biographie dieses Malers nicht den geringsten Glauben verdiene. Den vier von Boccaccio verewigten Malern ist das ganze vierte Kapitel des genannten Werks gewidmet.

perstitions" par Jean Baptiste Thiers, Paris 1697 lautete ein solcher Zauberspruch, den man vor einem Stern kniend hersagte:

„Je te saluë mille fois ô étoile plus resplendissante que „la lune. Je te conjure d'aller trouver Beelzebuth et lui dire „qu'il m'envoye trois esprits, Alpha, Rello, Jalderichel et le „Bossu du Mont Gibel, afin qu'ils aillent trouver N. fille de „N.... et que pour l'amour de moi ils lui ôtent le jeu, et „le ris de bouche, et fassent qu'elle ne puisse ni aller, ni „reposer ni manger, ni boire, jusqu'à ce qu'elle soit venuë accomplir la volonté de moi N.... fils de N...")

Der Betrug mit den Aloe-Pillen (T. VIII. N. 6) beruht auch auf einem alten, schon von Dioscorides erwähnten Aberglauben. Aehnliche abergläubische Mittel um Diebe oder andere Verbrecher zu entdecken wurden im alten Indien und von Fetischanbetern in Centralafrika angewendet. 2)

Der unsichtbar machende Stein Heliotropium (T. VIII. N. 3) wird schon von Plinius erwähnt (Hist. nat. XXXVII. 60) und Liebrecht (zu Gervasius von Tilbury Anm. 39 S. 111) zählt noch andere Mittel sich unsichtbar zu machen auf.

Uebrigens hat der in dieser Novelle vorkommende Wechsler Maso del Saggio wirklich existirt und seine Wechselstube war der gewöhnliche Versammlungsort der lustigen Künstler. Hier sei noch die Novelle von der giftigen Salbei (T. IV. N. 7) erwähnt, die zwar nicht zu den Künstleranekdoten gehört, aber auch mit abergläubischen Vorstellungen verbunden ist.

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Salbei galt sonst für ein heilsames Gewächs, das bei den Alten sehr geschätzt war und dessen Name von salvare hergeleitet wurde. Der Richter, in dieser Novelle, wunderte sich

1) Apulejus, Metamorph. lib. III. Bd. I. 202 sq. Liebrecht, Französischer Aberglaube, bei Gervasius von Tilbury. S. 220 N. 16

2) Bottari II. 182-187, Collin de Plancy, Dictionnaire infernal s. v. Aétite, Alphitomancie, Goo, S. 16, 80 und 255, Foě Kouě Ki S. 48 und 52; Edward B. Tyler, Die Anfänge der Cultur, deutsche Uebersetzung Kap. 14, II. 156.

daher mit Recht darüber, dass sie auf einmal giftig geworden, fand aber dann in der an ihrer Wurzel entdeckten Kröte eine genügende Erklärung ihrer Giftigkeit. Dass Kröten sich mitunter in der Nähe von Salbeisträuchen aufhalten und sie giftig machen, wurde zur Zeit Boccaccio's auch in Deutschland geglaubt.

In einer Handschrift aus dem vierzehnten Jahrhundert der lateinischen Erzählung von Herzog Ernst fand sich ein dem alten Gedicht nicht angehöriger Zusatz, in welchem erzählt wird, dass eine Kröte in den für den Kaiser Otto bestimmten Krug mit Wasser, der in einem Salbeigarten stand, hineinkroch. Graf Wetzilo von Heyerloch, in dessen Schloss dies geschah, zerriss die Kröte und ass beinahe den dritten Theil derselben, damit man ihn nicht verdächtigen sollte, er habe den Kaiser vergiften wollen. 1)

§ 5. So haben wir den Ursprung von beinahe neunzig Novellen des Dekameron mehr oder weniger deutlich gesehen und dabei bemerkt, wie Boccaccio die verschiedenartigsten Quellen: Volkssagen, aus dem Orient herübergebrachte Erzählungen, Dichtungen älterer Autoren und Anekdoten von berühmten Männern benutzte.

Die hier besprochenen dem Dekameron vorangegangenen oder gleichzeitig mit ihm entstandenen Novellen, Anekdoten und Märchen haben gezeigt, wie dieser Zweig der schönen Literatur vor Boccaccio beschaffen war, und wenn man auch daraus ersieht, wie viele Stoffe Boccaccio seinen Vorgängern zu verdanken hat, so glaube ich ihm doch durch diese Zusammenstellung keinen schlechten Dienst erwiesen zu haben; denn ein Vergleich seiner Novellen mit den oft so trockenen,

1) Herzog Ernst, herausgegeben von K, Bartsch, Wien 1869 S. XLIV.

faden und schmucklosen Erzählungen und Anekdoten, die ihnen zu Grunde liegen, zeigt erst seine Meisterschaft und wie hoch er über allen seinen Vorgängern steht.

Wir bemerken diesen Fortschritt bei Boccaccio selbst an den zwei Novellen (T. X. N. 4 und 5), welche er aus seinem Filocopo wiederholt, den er ungefähr zehn Jahre vor dem Dekameron noch ganz im Geschmacke der Ritterromane schrieb. Besonders zeigt sich sein geläuterter und gereifter Geschmack in dem Weglassen der langweiligen Disputation am Ende der zweiten dieser Novellen, sowie im Ersetzen der langen, Ovid nachgeahmten, phantastischen Beschreibung der Operationen des Zauberers durch die wenigen Worte: Con sue arti fece sì.... che la mattina apparve . un de' più be' giardini che mai per alcun fosse stato veduto.

Wenn also auch nur ein kleiner Theil der hundert Novellen des Dekameron, ja wenn keine einzige von ihnen der Phantasie Boccaccio's ihren Ursprung verdankt, bleibt ihm doch das Verdienst, ihnen erst Leben und Gestalt gegeben, sie mit allen Reizen der Erzählungskunst geschmückt und in die herrlichste, von ihm gleichsam erst geschaffene Sprache gekleidet zu haben.

Und sollen wir denn der Phantasie Boccaccio's gar nichts zu verdanken haben? Von manchen Novellen des Dekameron, die gerade nicht zu den schlechtesten gehören, ist uns keine Quelle bekannt, und so lange wir keine Spur einer solchen gefunden, wäre es doch gar zu hart, wenn wir Boccaccio nicht die Erfindung einiger Novellen zutrauten. War ihm doch die Lust am Fabuliren und Dichten angeboren, und bevor er noch sieben Jahre alt war, bevor er noch einen Lehrer gehört oder recht lesen gelernt hatte, dichtete er schon, wie er es selbst in den Genealogiae Deorum (lib. XV. 10) erzählt.

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